Mannheim
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  1. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 217 · Maskir

    217 Robert, der in tiefes Nachdenken versunken war, schlug die Augen auf und blickte zur Höhe. Ein fester Wille leuchtete aus seinen Mienen. „Sie sollen nicht mehr davonlaufen, sie dürfen nicht! Rabbi Salomon Jehuda tröstete sich damit, daß…

  2. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 218 · Maskir

    218 opferten? War jener nicht auch ein Ganzer, ein Gottsucher gewesen? Nicht frevler Uebermuth hatte ihn der Mehrheit zugetrieben, sondern der Zweifel am Judenthum und der Glaube ans Christenthum. So hatte er es gehört von Unparteiischen, d…

  3. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 219 · Maskir

    219 Friedhofes anvertraut ist, meinte zwar, man solle auch den Preis des Grabes angeben, aber da kam er schön an. „Wenn er Geld hat, wird er zahlen, wenn nicht, wird Gott es zahlen." „Seh' an, der da!" ries ein anderer Beisitzer. „Wagram ha…

  4. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 220 · Maskir

    220 gingen sie alle. Es blieben nur jene, die die Geschäfte zu bewachen hatten. „Aber jetzt kommt ja doch Niemand einkaufen", meint Einer und schließt die Thüre. Kaum sehen das die Anderen, so folgen sie seinem Beispiele und wandern der Gem…

  5. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 221 · Maskir

    221 Diese Augen! Robert konnte ihren Ausdruck nie wieder los werden. So trocken und brennend blickten sie hinaus, suchend, hungernd-- Erstaunen malten sich in dem verfallenen Gesicht bei den Worten des Rabbi, als aber der Gesang anhob und d…

  6. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 222 · Maskir

    222 keine Nahrung. „I g'hör' neam'd mehr zua, i geh' nach Amerika!" Da war Reb Joine vorgetreten und in seiner heftigen, heißen Weise hatte er gerufen: „Warum nach Amerika, warum nicht in die „Heimath"? Die anderen Leute suchten den hageren…

  7. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 223 · Maskir

    223 Thier zu essen, beide Tauben verbrennen? Und nun, oh Schrecken, wenn die Tauben entflogen waren und ihrem Schlage zueilten, sind alle Tauben desselben Schlages vom Genüsse ausgeschlossen? Und wenn man nicht genau weiß, welchem Hause sie…

  8. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 224 · Maskir

    224 . Einstens galt es als Ziel einer reichen Familie, einen Talmudjünger „einzusetzen". Sie wurden die Schwiegersöhne der reichsten Männer und studirten weiter in der Lehre Gottes, um Gotteswillen, oder sie wurden Kaufleute. Aber Reb Joine…

  9. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 225 · Maskir

    225 Wir passen uns an, wir geben um unseretwillen uns selbst auf. Die Starken werden schief, verkrüppelt, und die Kleinen stumpf oder bös, und Alle bleiben halb. Und was wollte er, der Halbe, unter den Bösen? Nein, sie sind nicht bös, nur a…

  10. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 226 · Maskir

    226 Bund mit dem Vater im Grabe und mit allen seinen Vatersvätern in den bekannten und unbekannten Ruhestätten. Dann ging er zur Treppe der Frauengallerie und wartete demüthig seines alten Mütterchens. Wie stolz sie blickte, als ihr die män…

  11. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 227 · Maskir

    227 etwas in diesem Lachen, und sie lachte so oft und so häufig ohne Grund, und er liebte es sonst, dieses Lachen. Heute schmerzte ihn es, jetzt, wo — Sollte Eduard ihr nichts gesagt haben? Verstand sie so wenig von jüdischem Gebrauchthum? …

  12. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 228 · Maskir

    228 „Oh, wie spät!" rief Martha schmollend. „Seyen Sie, Frau Seeliger, so macht er es immer; die alten todten Leute sind ihm lieber als die jungen Lebendigen, die ihn erwarten." „Wir hatten heute die erste Seelenfeier nach dem Vater," wehrt…

  13. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 229 · Maskir

    229 Frau Ehrenstein hoffte durch die Erinnerung an'den verstorbenen Vater eine Ablenkung zu schaffen. „Wie schade, daß Sie nicht vor einem Jahre daran dachten, uns in Ihre Heimath einzuladen, Herr Doktor, wir hätten dann noch das Glück geha…

  14. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 230 · Maskir

    230 sich so kindisch gehabe. Und auch der junge Gelehrte fühlte, daß er sich lächerlich mache, lächerlich vor diesen Leuten. Seiner Mutter aber standen die Thränen der Rührung in den Augen, als sie die trauten, alten Melodien vernahm. Wie e…

  15. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 231 · Maskir

    281 auf die armseligen polnischen, russischen und rumänischen Juden zurück? Du allein kannst ihnen nicht Helsen. Warum läßt Du Dich vom großen Mitleid verzehren? Hast Du Deinen Nietzsche so ganz ohne Nutzen gelesen? Den auserlesenen Naturen…

  16. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 232 · Maskir

    282 Gedanke als offene Frage in seiner Seele hängen. Wie ein Lächeln stieg es in ihm auf. Er, der starkgeistige Gelehrte, der bekannte logische Kops, der aus den Vibrationen der Nerven den ganzen Menschen errieth, er wandelte den Weg Reb Jo…

  17. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 233 · Maskir

    233 len in Verbindung mit dem Ghetto, es war schon schlimm genug, daß er keine Familie hatte — aber gar — Und ihre Tochter? Nein, die sollte nicht einem Hirngespinnst geopfert werden! Nun erschien ihr alles anders, als am Vormittag, das eng…

  18. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 234 · Maskir

    — 234 hohen, eleganten Manne. Wie schön sich ihr volles Gesichtchen, das üppige schwarze Haar von seinem länglichen Kopfe mit dem wohlgepslegten Blondbart abhob! Sie wiegte sich an seinem Arme und fühlte im gleichmäßigen Fortschreiten die H…

  19. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 235 · Maskir

    285 versinken! Wer den Sabbath schändet, ist dem Götzendiener gleich." Dazwischen ertönte ein Geheul wie von einem verwundeten Thiere. „Seien sie verflucht," erscholl es wild. Im Nu fanden sich eine Anzahl Leute, die den streitenden Stimmen…

  20. 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 236 · Maskir

    236 Aufregung, die Augen glühten in heftigem Zorn, die Stimme klang heiser. Aber noch abstoßender, fast grauenerregend schaute „der Stumme" drein. Die Augen waren von innerer Wut aus der Höhle getreten, der Mund schäumte, die Brust keuchte …