Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 22)
- Language
- German
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225 Wir passen uns an, wir geben um unseretwillen uns selbst auf. Die Starken werden schief, verkrüppelt, und die Kleinen stumpf oder bös, und Alle bleiben halb. Und was wollte er, der Halbe, unter den Bösen? Nein, sie sind nicht bös, nur auf schiefer Bahn. Ihnen fehlt ein Messias, ein Großer, an den sie glauben. Ob sie wissen, daß so nach und nach sein ganzes Leben sich ihnen zuneigte, ihrer Vergangenheit — ihrer Zukunft. Es mußte wohl sein, denn er fühlte es, wie sich die Gesichter chm zuwandten, die Augen aller liebevoll die seinen suchten. Die Verstorbenen des Vorjahres rückten der Vorlesung näher und auch sein Todter kam an die Reihe. Es war, als wollten sie sagen: „Nimm Dich zusammen, laß' es nicht zu hart auf Dich einwirken", oder sollte es blos Neugier sein, wie er es aufnehmen werde? Wie sie nun verändert waren diese schwatzenden, gleichgültigen Menschen! „Aaron Seeliger, der Sohn Abrahams." Das war sein Vater. Unter den geschlossenen Lidern quollen die Thränen hervor. Das kam wie infolge eines mechanischen Reizes —- sein Herz weinte nicht. Er hatte den Vater nicht verloren. Er lebte sein Leben weiter, das Leben des Vaters fand in chm eine Fortsetzung und Erweiterung durch die neuen Interessen, die Zeit und Bildung ihm gebracht hatten. Das Glied einer Kette schien er sich, die vom Anfang der Menschwerdung, die mit dem Entstehen der Eingotteslehre zusammenfällt, bis zu ihm reichte. Abraham und Moses, die Richter und Propheten, die Makkabäer, die Essener und Nasiräer, die Geistesverwandten des Johannes und des Jeschua von Nazareth, die Märtyrer des zweiten Jahrtausends und die alten, kleinen Juden seiner Heimath, sie lebten in chm. Sie lebten und regten sich, und so wenig er seinen schlichten Vater verleugnen mochte, so wenig konnte er sie aus seinem Leben weisen, ihr Wesen leugnen, ihre Nachkommen lassen. Der Kantor hatte geendet, das Memorbuch wurde ihm abgenommen, Robert stand auf, und wie er suchend den schmalen Kopf erhob und seine Gestalt sich reckte, schien er größer als er war. Während er nochmals die Anwesenden mit den Augen .wie grüßend überflog, schloß er einen festen 15