Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 17)
- Language
- German
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220 gingen sie alle. Es blieben nur jene, die die Geschäfte zu bewachen hatten. „Aber jetzt kommt ja doch Niemand einkaufen", meint Einer und schließt die Thüre. Kaum sehen das die Anderen, so folgen sie seinem Beispiele und wandern der Gemeinde nach. Die Landstraße ist besäet mit Menschen. Man versucht einige Ordnung in die Masse zu bringen. Zuerst der hochwürdige Rabbi, dann der Kantor mit seinen Sängern, der die Melodie eines Psalmes vor sich hinbrummt, dann die Chewra Kadischah und endlich die anderen Männer, zum Schluß die Frauen und Kinder. Leichte Herbstnebel liegen über der Landschaft. Die starren Stoppelfelder sind vom dicken Thau befeuchtet, von den Bäumen, die an der Straße sich reihen, fällt feuchtes, dunkles Laub schwer zur Erde. Es zieht ein Frösteln durch die Natur. Starre Herbstruhe. Die vielen Menschen bewegen sich lautlos vor, die Frauen ziehen ihre Tücher enger über die Brust, manche nimmt ein Tuch aus der Tasche und trocknet die Augen. Der Wagen mit der Todtentruhe rollt heran. Am Fuße des Hügels staut sich die Menge, das Pferd bleibt stehen. Todtenstille, nur ein Rabe steigt auf im nahen Gehölz und fliegt krächzend über die Köpfe. Der Rabbi hebt die Arme hoch. „Sei mir willkommen im Namen des Herrn!" Nun fällt der Kantor ein. Eine düstere Melodie erhebt sich in die Lüfte, zu der die weichen Stimmen der Sängerknaben eine leise Harmonie bildeten, deren erste Accorde schon ans Herz griffen. Mehr konnte man nicht hören als die ersten Worte und Töne, dann ein großes Weinen, ein hundertfaches Schluchzen.- Auch Robert mußte die Thränen trocknen, die diese seltsame Todtenfeier ihm entlockt hatte. Aber er ließ sich nicht so Hinreißen wie Vater und Mutter. Er wollte sehen, schauen. Der Arzt in ihm wurde wach, und noch etwas regte sich in seiner Seele-etwas Gutes, Starkes. Seine großen dunklen Augen bohrten sich in das Bild, er wollte schauen und er sah. Als der Wagen den Hügel herabrollte, saß der Mann, der ihn führte, in sich gekauert und blickte stumpf auf die Landstraße hinaus. Als das Pferd stehen blieb, schaute er erstaunt auf. Es war, als verstünde er nicht, was vorgehe, und dann, als traue er seinen eigenen Augen nicht.