Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111070-3111592--0609-3111866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
229 Frau Ehrenstein hoffte durch die Erinnerung an'den verstorbenen Vater eine Ablenkung zu schaffen. „Wie schade, daß Sie nicht vor einem Jahre daran dachten, uns in Ihre Heimath einzuladen, Herr Doktor, wir hätten dann noch das Glück gehabt, Ihren Herrn Vater kennen zn lernen." Frau Seeliger blickte dankbar aus die Dame, die ihres Mannes so liebevoll gedachte. Robert blieb eine Weile still, dann zog er die Stirnsalten hoch und machte ein zweifelndes Gesicht. Sein Vater wäre für ihren Geschmack zu einseitig gewesen, das wußte er. Die Mutter war schmiegsam und bewunderte die beiden Wienerinnen, aber der Vater, nein — — — der hätte sich gleich und gleich gestellt und das-? Wenn er vergleichen wollte! Die gediegene Pracht des sichtbaren Wohlstandes bei Ehrensteins, das feine Alt-Wiener Porzellan, die zierlichen Bestecke, die Blumenvasen und Fruchtschalen. Und hier! Die alten dicken Steingutteller, die plumpen Silberlöffel und altmodischen Bestecke! -Diese einfachen Sessel und derbgemalten Wände! Der Vater aber war stolz aus sein selbstgeschaffenes, einfaches Heim. Und wenn er am Samstag nach dem Essen seinen schwarzen Kaffee löffelte, dann strömte von ihm Glück und Behagen durch die ganze Stube. „Der Kaiser hat's net besser wie ich," pflegte er dann zu sagen. Und wenn die Frau zweifelnd lächelte, ries er eifrig: „Kann unser Kaiser — Gott laß' ihn lang leben — ä silbernes Beffsteck essen? Kann er den Wein mitsammt dem goldenen Becher trinken?" Denn daß der Kaiser den Wein aus goldenem Becher trank, das war klar, hatte doch jeder Jude seinen silbernen Samstagsbecher. Und Vater Seeliger hob mit weihevollem Uebermuth den Kelch und sang mit Heller Stimme dem Herrn ein Danklied. Sein Sohn stimmte ein. Und diese Augenblicke, da er mit dem Vater die hebräischen Lieder sang, die waren ihm theuer, sie erwärmten sein Herz. Er erzählte jetzt den Damen davon und begann die Melodien zu trällern. Eduard lächelte malitiös, Martha sah verlegen zu Boden. Sie konnte es gar nicht fassen, daß Dr. Seeliger, der angesehene ernste Nervenarzt, der gediegene Gelehrte, der feine Salonmann^