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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 217

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Maskir
Date
1899-01-01
Page
Seite 217 (sequence 14)
Language
German
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217 Robert, der in tiefes Nachdenken versunken war, schlug die Augen auf und blickte zur Höhe. Ein fester Wille leuchtete aus seinen Mienen. „Sie sollen nicht mehr davonlaufen, sie dürfen nicht! Rabbi Salomon Jehuda tröstete sich damit, daß sein Sohn für chn gestorben war! Aber dieser Sohn war gut und edel, und Gute und Edle laufen immer wieder davon, und zurück bleibt? Wer? Was? Die todte Masse? — Welch ein Schicksal für den geistig Strebenden unter den Juden!" Das kleine Männchen, das vor ihm saß, war ein Enkel Rabbi Salomon Jehudas, ein Asket, der noch heute im Alter von achtzig Jahren durch Fasten und Kasteien gut zu machen suchte, was seines Vaters Bruder verschuldet hatte! Er fastete jeden Montag und Donnerstag, er aß nichts am Neumond, er saß nachtweise im Beth Hamidrasch*), damit Gott endlich die große Sünde vergebe, und lernte in Mischna und Talmud.- Die winselnde Klage aber war von seinem Bruder gekommen, der neben ihm saß. Dies war ein hochaufgeschossener, hagerer, bartloser Mensch, den man im ganzen Orte nur „der Stumme" nannte. Sein eigentlicher Name war längst vergessen und verschüttet unter dieser Bezeichnung. Seit Menschengedenken war es zum ersten Male geschehen, daß ein Judenkind taub zur Welt kam. Ein Taubstummer in dieser frommen Familie! Das konnte nur eine Strafe für den Abtrünnigen sein, für den „Todten". Salomon Jehuda, der nach dem Großvater genannt war, lebte immer für den stummen Mahner der Familiensünde und für deren Buße. Dem Stummen war die Schuld an seinem Schicksal nicht verborgen geblieben, er wußte, daß er für die Gottlosigkeit seines Oheims leide, und er lebte daher in fanatischem Eifer für die heiligen Gebote der Religion. Er saß zusammen mit seinem Bruder nachtweise bei den Folianten, die er nicht verstand, bewegte die stummen Lippen, wenn er betete, fastete, wenn er nichts aß, und heulte, wenn er weinte. Wie aber kam es, daß er mehr des „Abtrünnigen" gedachte, als der zwei alten,, armen Männer, die sich chm *) Versammlungsort der Gelehrten, wörtlich Haus der Lehre.

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