Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 18)
- Language
- German
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221 Diese Augen! Robert konnte ihren Ausdruck nie wieder los werden. So trocken und brennend blickten sie hinaus, suchend, hungernd-- Erstaunen malten sich in dem verfallenen Gesicht bei den Worten des Rabbi, als aber der Gesang anhob und das Schluchzen in die Luft zitterte, flog ein Verstehen durch den starren Körper, ein weiches Fühlen in die Augen. Er hob sich empor, blickte erst über die Trauergemeinde, dann wendete er sich zu dem Sarge hinter ihm, ein Schrei schnitt durch die Lüfte, Singen und Schluchzen übertönend, ein dumpfer Fall — Man eilte zum Wagen. Wagram winkte ab. Man tröstet nicht in Gegenwart des Todten. Es ist gegen Gesetz und Brauch. Ueber die Holzkiste geworfen, lag Schönberger und schluchzte und weinte die ersten Thränen. Er spricht zu seiner lieben Todten. Man versteht es kaum, so im Schluchzen, und er redet in einem eignen Dialekt, den man schwer enträtselt. „Hörst es. Alte, Du, wegen Dir kummens alle, ja, und kennen Di gar net amal recht mehr. Und dorten, dorten —- —" Endlich mußte er vom Wagen hinunter. Er sollte hinterhergehen, der Leiche nach, wie es die Sitte verlangt. Das Pferd rührte sich nicht und blickte zurück. Da nahm er es beim Zügel und fuhr durch ein Spalier von Trauernden. Er nickte allen dankbar zu. „Dank' schön, Herr Vetter. Vergelt's Gott, Frau Muatter." Dabei rollten immer wieder dicke Thränen über seine Wangen. Auch als er an den Leuten vorbei war, sprach er noch immer. Er sprach mit dem Pferde, dem er die wirren Haare streichelte und den Thau vom Fell wischte. „So, Bräunderl, 's Frauerl kriegt ihr fcheen's Platzerl, so — so . . . hüt, hü!" Auch die eigenen wirren Haare strich er sich zurecht und den herabhängenden blonden Schnurrbart. Dann richtete er sich auf und ging festen Schrittes neben seinem Wagen dem Friedhof zu. Dort hat man sie begraben in allen Bräuchen, wie sie einem ehrlichen Judenweibe geziemen. Und der Mann? Der freilich war gebrochen. Zurück in jenes Dorf, dem er sein Lebelang fast angehört hatte, das aber sein todtes Weib ausgestoßen hatte, wollte er nimmer, und in der Gemeinde, die chm chre Treue bewiesen, fand er