Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 20)
- Language
- German
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223 Thier zu essen, beide Tauben verbrennen? Und nun, oh Schrecken, wenn die Tauben entflogen waren und ihrem Schlage zueilten, sind alle Tauben desselben Schlages vom Genüsse ausgeschlossen? Und wenn man nicht genau weiß, welchem Hause sie entstammen und in welchen Schlag sie zurückflogen: sind alle Tauben der Stadt zn verbrennen, damit ja Niemand das Ganzopfer genieße? — Sie ist nicht gar so einfach, diese Frage. Besonders für ein Knabengehirn des neunzehnten Jahrhunderts. Dies meinte auch Robert, indem er ganz einfach den Lehrer sitzen ließ. Er hatte der Mutter zuliebe dieses Studium betrieben. Sie stammte aus einer alten Gelehrtenfamilie und meinte: Lerne die Weisheit unseres heiligen Volkes, ehe du das weltliche Wissen Dir aneignestes bleibt Dir erspart, es einst zu verachten, ohne es zu kennen. Du wirst dann auch uns nie bei Seite schieben, uns alte Leute, die Eltern, die an der heiligen Lehre hängen. Lerne alles. „Was man weiß, und was man kann, ziert die Frau und Hilst dem Mann." Nun aber war es aus. Er mochte keine Altäre ausmessen, die nie zu bauen sind, und keine Opfertauben suchen, wo es keine Altäre gab. Und doch sollte die Mutter Recht behalten, er hatte es nie gelernt, diese veralteten Lehren und ihre Jünger zu verachten. Sie saßen lange Nächte hindurch über ihre Folianten gebeugt, schrieben lange Abhandlungen und mühten sichnach Maßgabe ihres Verstandes, die Tauben der Stadt zu retten, während er in Wien das Gymnasium besuchte. Es waren die letzten Zuckungen des Mittelalters in seiner Heimat. Der alte Rabbi erzog noch fünfundzwanzig Schüler, die nach altem Brauche von der Gemeinde nothdürstig erhalten wurden. Mit jedem Jahre wurden ihrer weniger und schließlich verschwanden sie ganz, die hageren Männer mit ihren langen Röcken und geringelten Schläfenlocken, Gestalten, die wie Rückbildungen in die alten finsteren Ghettozeiten umherschlichen. Es war kein Platz mehr für sie, ihre Tage waren um. Nur einer war geblieben, Reb Joine, sein Lehrer, denn er hatte im Orte geheirathet.