Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 25)
- Language
- German
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228 „Oh, wie spät!" rief Martha schmollend. „Seyen Sie, Frau Seeliger, so macht er es immer; die alten todten Leute sind ihm lieber als die jungen Lebendigen, die ihn erwarten." „Wir hatten heute die erste Seelenfeier nach dem Vater," wehrte ~bie alte Frau ernst dem neckischen Ton. „Bei uns Juden herrscht diese schöne Sitte, die als Seelenmesse und Allerseelenfest ins Christenthum übergegangen ist," suchte Robert abzulenken. Martha war feuerroth geworden und schwieg verlegen. „Oh, wie poetisch," meinte ihre Mama, die fühlte, daß sie in eine schiefe Situation gerathen waren. „Ueberhaupt die Gebräuche bei uns Juden sind sehr ehrwürdig, sehr poetisch. Schade, daß man sie so wenig beachtet, es steckt so viel Anregendes, Erhebendes darin." Frau Seeliger verstand zwar nicht jedes Wort, aber sie war doch versöhnt. Die schöne alte Frau mit den wohlgepflegten weißen Haaren, den bleichen, etwas eingefallenen Wangen und den schmalen zarten Händen imponirte ihr. Wie fein sie war und gar nicht hochmüthig, so ganz einfach. Wie vornehm sie aussah im schwarzen Spitzenkleid und dieser Brille auf hohem Schildkrotstiel, die man nur so vor den Augen hält. Freilich, rechte Juden waren sie nicht, die Ehrensteins, aber Frau Seeliger verstand es wohl, daß eine so seine Dame nicht das Fleisch „aussalzen" und „einweichen" könne, damit das Blut ausgelaugt werde, daß sie nicht die Zeit habe, das Milchgeschirr vom Fleischgeschirr zu sondern. Und die Dienstmädchen! Das kennt man. Die kümmern sich wenig um die jüdischen Speisegesetze. Trotz der versöhnlichen Stimmung der beiden Frauen verging das Mittagessen doch recht füll und leblos. Robert bediente die Damen mit ritterlicher Artigkeit; man sprach über gleichgültige Dinge, aber es war, als ob sich eine unsichtbare Wand zwischen den Menschen aufrichte, daß einer nicht zum anderen kommen könne. - Und endlich verstummte das Gespräch vollends. Jeder fühlte, daß der Andere spreche, was ihn nicht beschäftige. Man wurde des Versteckenspielens müde.