Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 30)
- Language
- German
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233 len in Verbindung mit dem Ghetto, es war schon schlimm genug, daß er keine Familie hatte — aber gar — Und ihre Tochter? Nein, die sollte nicht einem Hirngespinnst geopfert werden! Nun erschien ihr alles anders, als am Vormittag, das enge, kleinbürgerliche Zimmer, die alte Frau Seeliger in ihrem unmodischen Pepita-Halbseidenkleid, mit der Bänderhaube und den langen Ohrgehängen aus dem Anfänge dieses Jahrhunderts.-Wie konnte sie nur so herabsteigen I Dann diese singende Sprechweise! Ach nein, wenn ihre „Damen", sie hätten sehen können, hier sehen können! Sie durste hier nicht länger bleiben. Frau Ehrenstein frug nach dem nächsten Zuge. Martha schrak zusammen und blickte flehend zur Mutter. Auch Frau Seeliger war unangenehm berührt, sie hatte doch alles gethan, um es den Gästen behaglich zu machen. Dann war es auch ein Anderes, was sie beängstigte. Es war Sabbath, Niemand fuhr ohne Nöthigung an diesem Tage, d. h. es gab einige Leute, die es thaten, aber es galt nicht für ehrbar. Robert bemerkte die Verlegenheit seiner Mutter. „Gnädige Frau können erst den letzten Zug benützen, weil Sie von uns nicht vor Sabbathausgang wegfahren sollten. Da dieser Zug aber spät Nachts in Wien ankommt, so bitte ich Sie, noch bis morgen unser Gast zu fern/' „Wir bleiben ja gerne," rief Martha, „ich habe ohnehin noch nichts von Ihrer Heimath gesehen." Frau Ehrenstein konnte nun nicht mehr zurück. Sie gingen dann zusammen durch das kleine Städtchen. Das Haus der Seeliger stand auf dem großen Platze nächst der Kirche. Von dort zogen sie unter Bäumen die Gassen entlang, vorbei an den niederen Häusern, aus denen nur hier und da ein stockhohes Gebäude herausragte. Sabbathruhe herrschte in den Straßen, die Geschäfte waren zumeist gesperrt, denn sie gehören fast alle den Juden. Aus allen Häusern liefen die Leute auf die Straße oder ans Fenster, um Robert Seeliger mit seiner Zukünftigen zu sehen. Alle schauten ihnen steudig entgegen und boten herzliche Grüße. Martha schritt elastisch neben Robert dahin. Wie sie zusammen paßten! Alle Welt sah es. Die schlanke und doch in den Formen volle Gestalt der jungen Dame neben dem