Mannheim
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  1. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 22

    22 fraulichen Keuschheit durch Trübung und Verkümmerung Beider strafen würde. — Wer will aber auch dem kindlichen Gemüth die strenge Unterscheidung zwischen den verschiedenen Zwecken der Lüge zumuthen, wenn es einmal für seine Unwahrheit mi…

  2. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 23

    23 nicht nur die äußeren Vorgänge, sondern auch die eigenen Erlebnisse und Empfindungen in dem blendenden Licht des Ungewöhnlichen und Ueberschwenglichen erscheinen läßt. Es ist ein eigenthümliches Gesetz der Natur, die überall eine volle U…

  3. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 24

    24 Gesetz des Staates. Man könnte freilich auch über diese Ansicht noch streiten, wenn man sich, etwa wie die Quäker, auf den Standpunkt der strengen Gewissenspflicht und Wahrhaftigkeit stellte. Aber von der Zustimmung zu dieser Ansicht, we…

  4. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 25

    25 abweift, eine Einladung ablehnt u. s. w., selbst wenn man voraussetzt eben so wenig Glauben zu finden, wie man ihn verdient. Das Kind aber, das sür dieses unnatürliche Gebot der Höflichkeit noch durchaus kein Verftändniß besitzt, wird, w…

  5. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 26

    26 soll. Wir wollen auch hier von der allgemeinen Folge jeder Lüge absehen, daß die unwahre und täuschende Antwort das Kind in einen Jrrthum versetzt, dessen Wirkungen auf spätere Vorstellungen (von der Religion, von geschlechtlichen Verhäl…

  6. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 27

    27 macht diesen in gleicher Weise Furcht vor fingirten Gefahren und Kobolden einzuflößen, wie sie es an ihm versucht haben? Und doch geht diese verderbliche Kinderftuben-Pädagogik auch auf die höheren Stufen der Erziehung über; ja man meint…

  7. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 28

    28 ©einigen ein, denen er ihre „unschuldige" Freude nicht verderben will, und versucht auch seinerseits Weib und Kind mit der Miene der Unbefangenheit zu täuschen, als ob ihre Täuschung völlig gelungen wäre und er nichts ahnend der Ueberras…

  8. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 29

    29 verdecken suchen, und sie an den Umgang mit derselben gewöhnen, bis sie endlich eine zuverlässige Freundin in ihr zu finden glauben, die sie in keiner Verlegenheit des Lebens verlassen wird. — Das etwa ist der sittliche Inhalt dessen, wa…

  9. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 30

    30 den Freund vom Zuchthaus oder vom Galgen zu befreien? Die Noth ist vorhanden und die Lüge auch; und doch wird hoffentlich Niemand den hier bezeichneten Lügen dies ehrende oder doch rettende Prädikat beilegen wollen. Warum? weil der Zweck…

  10. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 31

    31 unter diesen drei Bedingungen, die uns jetzt nacheinander zugestanden worden sind, möchte ich selbst beinahe die Möglichkeit und Zulässigkeit der Nothlüge zugestehen: Wenn es Zwecke, d. h. bestimmte, in einzelnen Fällen zu erstrebende Zw…

  11. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 32

    32 als Arzt über denselben irre führst um ihn zu schonen, so ist Deine Absicht gewiß die beste von der Welt. Aber wer. sagt Dir, daß Du ihn nicht eben dadurch getödtet Haft, da er vielleicht, wenn er Deine wahre Meinung gehört, einen andern…

  12. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 33

    88 wirft Du es vor der Lüge schützen; und bewahre es vor der Lüge, so wirst Du es vom Unrecht fernhalten. Die Lüge ist bei ihrer Geburt das Kind der Sünde, sie wird, wenn sie heranwächst, zu ihrer Schwester und Genossin und endlich zu ihrer…

  13. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 34

    34 locken möchte, beim rechten Namen zu nennen und läßt uns das Erröthen fühlen, mit dem die Schaanr, schorl beim Gedanken an dieselbe, unser Angesicht bedeckt. Sie treibt uns von der Bahn, die uns die Verführung eröffnen will, durch den Ge…

  14. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 35

    35 die Nothwendigkeit seines Geständnisses entspringt, so kann es uns doch andererseits nicht entgehen, daß die leicht erregbare Empfindlichkeit des Schaamgefühls, eben so sehr vor der Lüge, wie vor der Unrechten That selbst schützt. Das Sc…

  15. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 36

    36 Täuschung gegen sie wagen zu können. Die Wahrhaftigkeit ist daher ein sicherer Probirstein der Ehrfurcht; und man wird sich überzeugen können, daß das Kind, das nicht von gleicher Ehrfurcht gegen beide Eltern durchdrungen ist, sich gegen…

  16. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 37

    37 Offenheit trägt das Gepräge der Wahrhaftigkeit an der Stirne und weckt zuversichtliches Vertrauen. Verschlossenheit fordert zur Vorsicht auf und Heimlichkeit erregt Mißtrauen. Offenheit ziemt vor Allem dem Kinde. Es wird Nichts zu verber…

  17. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 38

    Gönnern und Zwischenhändlern umsieht, um seinen Eltern ein Anliegen vorzutragen, ist von dem Wege zur Unwahrheit nicht mehr weit entfernt, weil es den ihm natürlichen Weg schon verlassen hat. Darum wird es gut sein, Kindern diese Wege nicht…

  18. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 39

    39 wissenhafte verspricht Nichts, was er nicht zu Hallen entschlossen und im Stande ist. Der Zuverlässige betrachtet das gegebene Wort als eine Verpfändung seiner Ehre für die Lösung desselben. Wer die bindende Kraft seines Wortes aber auch…

  19. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 40

    40 fangene Wahrhaftigkeit des Kindes hervorruft und in der That auch leicht zur Unwahrheit verleitet. Denn, wie der Wahn allgemein verbreitet ist, daß in gewissen Fällen nur der Schwur und die Anrufung Gottes zur strengen Wahrhaftigkeit ver…

  20. 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 41

    41 nächste, nothivendig mit ihr verbundene Gefühl, das Verlangen nach Schutz und Rettung. Furcht ist ein selbstisches Gefühl , das niemals die Quelle sittlichen Thuns sein kann, wenn es auch häufig zum Beweggrund für sittliche Handlungen od…