Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 36)
- Language
- German
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32 als Arzt über denselben irre führst um ihn zu schonen, so ist Deine Absicht gewiß die beste von der Welt. Aber wer. sagt Dir, daß Du ihn nicht eben dadurch getödtet Haft, da er vielleicht, wenn er Deine wahre Meinung gehört, einen andern Arzt zu Rathe gezogen hätte und durch ihn gerettet worden wäre? Oder daß Du nicht vielleicht ein Geheimniß mit ihm Haft begraben werden lassen, dessen Offenbarung ihn von einer drückenden Gewissenslast befreit hätte; daß Du ihn nicht von der Erklärung eines letzten Willens zurückgehalten, die für Andre von äußerster Wichtigkeit gewesen wäre? — Und wenn wir von keinem Zweck, den wir verfolgen, mit voller Gewißheit behaupten können, daß seine Verfolgung allein zum guten und rechten Ziel führe, so können wir das schlechte Mittel der Lüge auch nicht mit der sittlichen Nothwendigkeit rechtfertigen , die uns zur Verfolgung dieses Zieles zwingt. Ich stehe daher nicht an zu behaupten, daß es vom Standpunkt der Sittlichkeit überhaupt keine statthafte Lüge gibt, daß also der Begriff der Nothlüge, wie er in der Regel aufgefaßt wird, kein sittlich haltbarer ist. Aber ich kann darum doch gerne zugeben, daß es Momente und Vorgänge im Leben gibt, in denen sich auch der Sittenstrengste und der Wahrhaftigste von sittlich edlen Motiven zur Unwahrheit Hinreißen läßt, um sich selbst oder einen Mitmenschen aus einer unverschuldeten Gefahr zu retten, und daß auch der strengste Sittenrichter eine solche Unwahrheit, wenn nicht billigen, doch rechtfertigen darf. Aber eben darum, weil auch für den Besten und Festesten Momente solcher Gefahr nicht ausbleiben, sollte die Gefahr nicht durch den alltäglichen Gebrauch des gefährlichen Wortes verdeckt werden, und am allerwenigsten darf im Bewußtsein der Jugend die Vorstellung Raum gewinnen, daß es eine Lüge gibt, die durch die Roth des Moments gerechtfertigt erscheint. 2. Halte Dein Kind vom Unrecht fern, so