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Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde · 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 25

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Journal
Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
Volume
1860
Date
1860-01-01
Page
Seite 25 (sequence 29)
Language
German
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IRI
…/9643705-7658027--30-7658054
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25 abweift, eine Einladung ablehnt u. s. w., selbst wenn man voraussetzt eben so wenig Glauben zu finden, wie man ihn verdient. Das Kind aber, das sür dieses unnatürliche Gebot der Höflichkeit noch durchaus kein Verftändniß besitzt, wird, wenn es zum Zeugen dieser gesellschaftlichen Lüge gemacht, oder wenn gar unkluger Weise seine Mitwirkung, etwa zur Abweisung eines unbequemen Besuchs, in Anspruch genommen wird, die Lüge in ihrer ganzen Nacktheit vor sich sehen; und der glücklichste Fall ist es, wenn es noch unschuldig genug ist, den Eltern durch unbefangene Enthüllung der Wahrheit eine verdiente Verlegenheit zu bereiten. Viel bedenklicher aber ist es, wenn es mit dem stillen Bewußtsein, die eignen Eltern als Lügner vor sich zu sehen, bereits klug genug ist, ihre höfliche Unwahrheit durch sein Schweigen oder gar durch seine Reden zu unterstützen, und also seine eigenen Erzieher als Lehrmeister und Vorbilder der Lügenhaftigkeit kennen gelernt hat. Und wer will behaupten, daß das Kind sich mit der Lüge, die sich ihm einmal durch den Mund seiner Eltern selbst als statthaft dargestellt hat, aus das Gebiet beschränken werde, auf deul sie von diesen angewendet worden ist? *) Eine Unwahrheit, die sich Eltern gegen die Kinder selbst nicht selten erlauben zu dürfen glauben, ist die sogenannte Beschwichtigungslüge, deren sie sich nicht nur bedienen, wenn sie etwa ein schreiendes ungezogenes Kind, statt es zu strafen, besänftigen wollen, sondern auch wenn sie, durch eine Frage des Kindes in Verlegenheit gesetzt, es vermeiden wollen, demselben ihre eigene Unwissenheit über den fraglichen Gegenstand zu enthüllen, oder dem Kinde über Dinge Aufschluß zu geben, die es noch nicht begreifen kann oder noch nicht kennen *) Ein Mittel Kinder frühzeitig zu dieser Form der Lüge zu erziehen, ist die unvernünftige Frage: „Wie lieb hast Du mich?" auf die daö Kind mit Umarmung und Kuß antwortet, oder die noch unvernünftigere: „Hast Du Vater oder Mutter lieber?" worauf die höfliche Antwort tautet: „Ich habe alle Beide lieb."

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