Mannheim
Compact Memory

Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde · 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
Volume
1860
Date
1860-01-01
Page
Seite 35 (sequence 39)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9643705-7658027--40-7658064
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

35 die Nothwendigkeit seines Geständnisses entspringt, so kann es uns doch andererseits nicht entgehen, daß die leicht erregbare Empfindlichkeit des Schaamgefühls, eben so sehr vor der Lüge, wie vor der Unrechten That selbst schützt. Das Schaamgefühl ist das Gefühl der in uns verletzten Menschenwürde, das am lebhaftesten erregt wird, wenn diese Verletzung von uns selbst ausgeht. Die Lüge ist aber ein Vergehen, nicht nur gegen unsere eigene, sondern gegen die Menschenwürde überhaupt, und daher keines so geeignet das Schaamgefühl zu erwecken, dessen Aeußerung nur der gewandte und freche Lügner niederzukämpfen vermag. Darum ist aber auch gegen keines das natürliche und unverkümmerte Schaamgefühl eine so sichere Schutzwehr, wie gegen die Lüge. Die Wahrhaftigkeit ist, wie wir schon bemerkt haben, eine keusche Tugend; daher ist die Schaamhastigkeit der treueste Wächter und Hüter derselben; und wir werden die Reinheit des Gemüthes und des Handelns auf beiden Gebieten jederzeit vereint finden. Mit der Schaamhastigkeit nahe verwandt ist die Ehrfurcht; denn sie ist die rücksichtsvolle Scheu gegen Andere, wie jene die scheue Zurückhaltung unserer selbst ist. Daher wird Pflege der Ehrfurcht gegen Andere, zugleich Pflege der Wahrhaftigkeit sein. Ein Kind, das gegen Vater und Mutter wahre Ehrfurcht fühlt, kann sich zur Lüge gegen dieselben nicht entschließen; und ein Kind, das gegen seine Eltern unwahr ist, hat die Ehrfurcht gegen sie schon verloren. Das ehrfurchtsvolle Kind sieht in Vater und Mutter, in Lehrern und Erziehern viel zu hochstehende Wesen, als daß es sie zum Gegenstand seiner Täuschung machen könnte; denn sie würden ja durch die gelungene Täuschung in seinen eigenen Augen an Würde verlieren. Ein Kind, das seine Eltern wahrhaft ehrfürchtet, fühlt das auf ihm ruhende Auge derselben in seine innerste Seele eindringen und meinet nicht das unschuldigste Geheimniß vor ihnen verbergen, um wie viel weniger eine 3*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.