Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 28)
- Language
- German
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24 Gesetz des Staates. Man könnte freilich auch über diese Ansicht noch streiten, wenn man sich, etwa wie die Quäker, auf den Standpunkt der strengen Gewissenspflicht und Wahrhaftigkeit stellte. Aber von der Zustimmung zu dieser Ansicht, welche die Sitte der Zeit als bindend für den Einzelnen anerkennt, ist noch ein weiter Schritt zu der laxen Moral, die sich auch einer vielverbreiteten Unsitte oder gar Unsittlichkeit der Zeit ohne Bedenken anschließt, damit man nicht als Pedant oder moralischer Sonderling erscheine. Wir wollen also gewisse Formeln und Floskeln, die im mündlichen und schriftlichen Verkehr geradezu die ursprüngliche Bedeutung ihrer Worte verloren haben, nicht als Unwahrheiten betrachtet wissen, wenn auch diese Worte weit entfernt sind der Ausdruck für die Gesinnung des Sprechenden und Schreibenden zu sein. Wir wollen zugestehen, daß man allgemein anerkannte Formen der Höflichkeit und Freundlichkeit auch gegen solche beobachten dürfe und müsse, die uns gleichgiltig sind. Ja wir fordern im Namen des Sittengesetzes und der Humanität Freundlichkeit und Höflichkeit gegen Jedermann und nicht nur gegen befteundete und geschätzte Personen. Aber wir verdammen als verwerfliche Lüge jede Versicherung von Freundschaft und Hochachtung gegen Personen, die uns gleichgiltig oder gar verächtlich sind; wir verdammen den Schein der Herzlichkeit und Freudigkeit bei dem Empfange eines Besuchs, der uns störend und lästig ist; wir verdammen jene vielgerühmte und bewunderte Kunst des liebenswürdigen Gesellschafters, der endlich alles Empfinden für den Menschen verlernt, weil er mit glatter und gewandter Zunge für Jeden Freundschaft und Wohlwollen, Hochachtung und Bewunderung, nicht einmal heuchelt, sondern nur redet. Wir müssen auch die üblichen Ausfliichte als unstatthafte Unwahrheiten bezeichnen, mit denen man einen Verstoß gegen die Höflichkeitsgesetze der Geselligkeit zu entschuldigen versucht, einen Besuch