Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 37)
- Language
- German
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88 wirft Du es vor der Lüge schützen; und bewahre es vor der Lüge, so wirst Du es vom Unrecht fernhalten. Die Lüge ist bei ihrer Geburt das Kind der Sünde, sie wird, wenn sie heranwächst, zu ihrer Schwester und Genossin und endlich zu ihrer Mutter. Es herrscht ein wunderbares Verhältniß zwischen dem Unrecht und der Lüge, wie zwischen der Tugend und der Wahrhaftigkeit. Keine Sünde ohne Lüge. Zuerst die Lüge gegen uns selbst, mit der wir unsre Absicht gegen besseres Wissen beschönigen, mit der wir die Stimme des Gewissens gegen die Stimme der Leidenschaft verstummen heißen und unser Auge selbst vor den üblen Folgen zu verschließen suchen, denen wir sichtbar entgegengehen. Und wenn die Sünde begangen ist, belügen wir Andre, um uns den unvermeidlichen Folgen der Entdeckung, der Beschämung, der Strafe zu entziehen. Die großgewordene und geübte Lüge wartet aber nicht mehr auf den Moment des Schreckens und der Gefahr, sondern geht überall wie ihre untrennbare Zwillingsschwester neben der Sünde her, um sie zu schützen und zu schirmen, daß sie gefahrlos ihren Weg verfolge. Sie ist immer bei der Hand für die Gefahren, die ihr auf diesem verderblichen Wege begegnen können und im Voraus mit allen Waffen versehen, die zu ihrer Abwehr dienen; und so wird sie endlich zur Mutter der Sünde. Denn sie ruft den Keim der erwachenden Begier und Leidenschaft zum Leben der verwerflichen Thal, indem sie sie von der fesselnden Hülle der Schaam und der Furcht befreit und ihr das Licht der Wirklichkeit zugänglich macht, vor dem sie sich vielleicht noch scheu und vorsorglich zurückgezogen hätte. — Die Wahrhaftigkeit hingegen ist ein untrüglicher Schutz, ein eherner Panzer gegen Unrecht und Sünde. Wo jene herrscht, finden diese keinen Zugang. Denn sie gebietet uns, die That, zu der uns die Leidenschaft ver- 3