Mannheim
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486
19261929
  1. 1927-01-01 · Heft 2 · page 73

    fragen bestimmterer Art für uns praktisch werden. Was der Mensch auch zur Ausfüllung seines Lebensraums unternehmen möge; was er auch an Torheiten und Erkühnungen ersinnen, an Leidenschaften, Übertretungen und Opfern erproben möge: nie wird…

  2. 1927-01-01 · Heft 2 · page 74

    gewahr, daß es völlig sinnlos ist, von einem Lebendigsein oder auch nur von einem „Sein46 in der Abtrennung vom Lebensmittelpunkt zu sprechen. Durchgängige Ablösung vom Lebensgrund überlebt kein Geschöpf. Soviel Abtrünnigkeit, soviel Tod is…

  3. 1927-01-01 · Heft 2 · page 75

    Um diese letzte Einsamkeit also geht es; um das letzte Wachsein im Abgrund einer atemlosen Stille; um das äußerste Beisichsein des Ichpunktes; um jene Stelle, wo ein einziges Ohr noch in die gähnende Leere hinaushorcht, ein einziges Auge no…

  4. 1927-01-01 · Heft 2 · page 76

    gemacht hat, in die eigene Brust. Genau und gerecht geht dieser Prozeß vor sich, und mit wachen Sinnen erlebe ich dann den Augenblick, wo ich mir selber fremd werde und nicht nur meine Hände und mein Spiegelbild, sondern mein eigenes, inner…

  5. 1927-01-01 · Heft 2 · page 77

    unscheinbare Ding hinein, an dessen Wirklichkeit geglaubt wird. Wir sind ihm, lange ehe es zu den Niederwerfungen und Gebeten kommt, schon dadurch verschrieben, daß wir, still am Tische sitzend, den Atem einziehen und ausgeben, gläubig verw…

  6. 1927-01-01 · Heft 2 · page 78

    JUSTUS SCHWARZ DIE WIRKLICHKEIT DES MENSCHEN IN RILKES LETZTEN DICHTUNGEN 1. In Rilkes letzten Dichtungen, die als „Duineser Elegien" und „Die Sonette an Orpheus44 gesammelt veröffentlicht wurden, geht es um die Wirklichkeit des Menschen. E…

  7. 1927-01-01 · Heft 2 · page 79

    zunehmen haben. Wenn wir den Zugang gewinnen wollen zu dem, w as in den Elegien vorgeht, müssen wir uns dahin führen lassen, wohin uns der Dichter vorausgegangen ist, zur Besinnung auf uns selbst. Bei einer solchen, dem Dichter nachgehenden…

  8. 1927-01-01 · Heft 2 · page 80

    2. Die Duineser Elegien setzen voraus eine Erschütterung der Existenz des Dichters. Rilke ist sein eigenes Dichten fragwürdig geworden. Dies Dichten hat seine erste große Auswirkung im ,, Stundenbuch64 gefunden. Darin hat Rilke versucht, wi…

  9. 1927-01-01 · Heft 2 · page 81

    allgemeineren Problematik des heutigen Menschentums wurzelt. Sein Ich ist gerade in seiner Isolation einem „Wir" zugehörig. Für den heutigen Menschen, wie Rilke ihn erfährt, ist charakteristisch die Zerstreutheit seines Erlebens. Dadurch is…

  10. 1927-01-01 · Heft 2 · page 82

    Krankheit aus wachsen, die den Menschen von der Wirklichkeit absperrt. Ein Lebensgang wäre denkbar, und ist wohl früher den Menschen selbst verständlicher gewesen, wo hingegeben an das jeweils Erlebte der Mensch im Anderen lebte, ohne schon…

  11. 1927-01-01 · Heft 2 · page 83

    gefärbte, gestaltete Welt. So gehen sie nicht mit Wirklichkeit um, sondern mit der Spiegelwelt ihres Ich; die Möglichkeit, d.h. die vom Ich aus und für das Ich reflektierte Welt schiebt sich an die Stelle der Wirklichkeit. Ob Erwartung oder…

  12. 1927-01-01 · Heft 2 · page 84

    Organisation nach bestimmten Regeln, Antizipationen, die es abdrängen von der Völligkeit des Erlebens, Das Leben desTänzers - wie Rilkes Freund Rudolf Kaßner einen bestimmten Typ des heutigen Intellektuellen benannt hat - ist bestimmt durch…

  13. 1927-01-01 · Heft 2 · page 85

    Richtungnahme des menschlichen Willens, die sich stützt und steigert an einer bestimmten Meinung von den Erfordernissen wirklichen Lebens. Diese Unwirklichkeit dessen, womit er umgeht, wird dem Menschen spürbar in dem „spannenden Drang", de…

  14. 1927-01-01 · Heft 2 · page 86

    Wirklichkeit durch das Gefühl besonders nahe. Aber mit der Forderung eines stärkeren, unmittelbareren Erlebens würde er noch nicht sich von dem Niveau zeitgenössischer Strebungen abheben. Denn das Begehren nach Erleben ist etwas für den heu…

  15. 1927-01-01 · Heft 2 · page 87

    die Welt organisiert, kann ihm diese Wirklichkeit aufgehen. Aber wie kann das geschehen? Wie kann der Mensch von der Bemühung um Sicherstellung des Ich in der Welt und der Welt für das Ich loskommen? 5. Einer Verderbnis des modernen Lebens …

  16. 1927-01-01 · Heft 2 · page 88

    Von Kierkegaard unterscheidet Rilke die andere Stellung zur christlichen Tradition. Rilke kann nicht den Gott des Christentums gegen die Schwermut anrufen. Die christliche Tradition ist ihm abgerissen. Gott ist bei Rilke nicht von vornherei…

  17. 1927-01-01 · Heft 2 · page 89

    nicht durchkreuzt von ichsüchtiger Reflexion, sondern ist für sie ein dauerndes Gegenübersein zu dem was ihnen begegnet. Ein nie abreißendes Band hält Erlebenden und erlebte Welt verknüpft. Rilke weist diese Einigkeit mit dem eigenen Schick…

  18. 1927-01-01 · Heft 2 · page 90

    der sie angelegt wird, um so sicherer verloren. Wie es dem Nikolaj Kusrnitsch (Malte Laurids Brigge) geschieht, der seine Lebenszeit als Kapital berechnen will. Währenddessen aber zieht ihm die wirkliche, seine eigene Zeit vorüber. Gerade d…

  19. 1927-01-01 · Heft 2 · page 91

    Weg zur Wirklichkeit unseres Lebens. Er führt auf den Tod zu. Eine merkwürdige Querstrebigkeit scheint sich als Grundwesen des Lebens aufzutun. Wer besitzen will, verliert, und wer nicht zu haben bereit ist, der gewinnt. - Doch hier muß uns…

  20. 1927-01-01 · Heft 2 · page 92

    geleistete Opfer alles Irdischen. Darum wird es uns leichter, wenn wir den Tod in unser Bewußtsein aufgenommen haben, den Abschied vom Irdischen zu bestehen. Der Tod, der uns die Opfer sozusagen vorvollzieht, ist uns vertraulich als ein Hel…