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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 83

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 83)
Language
German
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gefärbte, gestaltete Welt. So gehen sie nicht mit Wirklichkeit um, sondern mit der Spiegelwelt ihres Ich; die Möglichkeit, d.h. die vom Ich aus und für das Ich reflektierte Welt schiebt sich an die Stelle der Wirklichkeit. Ob Erwartung oder Erinnerung dem Menschen die Gegenwart verschüttet, stets handelt es sich darum, daß eine ichnahe, nicht wirkliche Möglichkeit GehoflFtes und Gewolltes, die ichferne Wirklichkeit verdrängt. - Nicht nur bewußtes Sorgen hemmt. Sondern diese Richtungnahme durchwirkt das Triebleben, verdunkelt und beherrscht durch Vorstellungen, die vom Unbewußten aus sich durchsetzen, das wache Leben. Der Jüngling, von dem in der dritten Elegie die Rede ist, bleibt verfallen an den „Flußgott des Bluts". Er kann nicht lieben, er entspringt nicht sich selbst. Er bleibt in sich, im traumhaft „dunkelen Umgang44 mit dem, was sein Blut ihm als Schreck und Lockung von Schicksalen heraufspült, um die es von den Ahnen her weiß. Erscheinungen, mit denen sich die Psychoanalyse beschäftigt, werden von Rilke begriffen auf der breiteren Ebene eines seelischen Stehens des Menschen. Die erotische Mythenbildung ist verständlich als Auswirkung der in bestimmter Richtung treibenden und schaffenden Seelenkraft. Deren Produkte schieben sich ablenkend und verstellend zwischen Mensch und Wirklichkeit; aber das Unterbewußtsein würde nicht in dieser Richtung sich betätigen, wenn nicht der ganze Mensch der Konzentrierung auf das Wirkliche ermangelnd den weltlosen Möglichkeiten offen wäre.-Das Erlebte ist vom Ich aus „überwacht4'. Nicht nur Erwartung und Erinnerung bedrohen die Gegenwart, sondern vor allem das Kommende selbst ist vom Menschen organisiert, in den Bereich der ihm vertrauten und gesicherten Möglichkeiten hineingedrängt. Die Zukunft wird nicht erwartet und bestanden, sondern fertig gekauft. Vielmehr, es wird statt ihrer etwas anderes gekauft, „der Ausguß des Leeren"; eine Ersatzbefriedigung wird gesucht und die Wirklichkeit gar nicht herangelassen. So hat diese Zeit „den vergoldeten Lärm, die gekaufte Kirche", die ungeglaubten Ziele, Glücke, Leistungen. Diese Phänomene sind nur Schatten der Unhingegebenheit an den Gegenstand, Stillungen gesucht ohne Einsatz und Gefahr des dem Schicksal preisgegebenen und so aus der Ichheit herausgerissenen, außer sich gekommenen Lebens. Zwei Formen dieses unwirklichen Lebens lassen sich aus den von Rilke gesichteten Erscheinungen herausheben, das Leben des Bürgers und das Leben des Tänzers. Das bürgerliche Leben ist charakterisiert durch seine 205

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