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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 89)
Language
German
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nicht durchkreuzt von ichsüchtiger Reflexion, sondern ist für sie ein dauerndes Gegenübersein zu dem was ihnen begegnet. Ein nie abreißendes Band hält Erlebenden und erlebte Welt verknüpft. Rilke weist diese Einigkeit mit dem eigenen Schicksal auf beim Tier, beim Kind, beim Helden, bei den Menschen früherer Zeiten, beim Sterbenden. Sie alle sorgen nicht um das Ich. „Das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich/6 Uns anderen steht immer bestimmend die Angst um uns selbst im Rücken, letzten Endes also eine Angst vor dem Tod. Das Tier sieht vor sich nicht sich und die von der Angst um sich verdunkelte, verengte Welt, sondern „alles und sich in allem44. So auch fürchtet der Held nicht den Tod. „Zu dauern44 bemüht er sich nicht. Und dem Kind ist der Tod so nah, daß es ihn nicht erkennt. In seinem Erleben ist Sterben ungeschieden von Leben; es ißt den „Kindertod aus grauem Brot44. Den Schmerz kann das Kind sich nicht relativieren durch Reflexion, indem es dem Einzelnen seiner Schmerzen das Ganze seines Lebens gegenüberstellt. Diese schneiden es mit todhafter Gewalt, so ist ihm das Todhafte gewohnt. Die Bereitschaft zum Tode ermöglicht das Haben von Gegenwart und Gegenstand, von „Schicksal44, Gerade durch das Einbegreifen des Todes, gerade wenn wir nicht um Wegdrängen des Todes, um Sicherung gegen den Tod uns bemühten, gerade dann hätten wir Dasein und Dauer. Das ist die der gewohnten Meinung widersprechende Lehre des Dichters. Die großen Dinge des Lebens, in denen der Mensch sein Dasein gewinnt, und auch seine tiefe Befriedigung erfährt, sind nur erreichbar durch Entschluß zur ungesicherten, unbesitzbaren Wirklichkeit. Die gewöhnliche Lebenshaltung und damit die Verfallenheit der modernen Seele entsteht aus einem Absehen und Fortwollen von dem Todhaften des Lebens. Ein Irrtum ist hier treibend, der freilich naheliegend und tiefgründend genug ist; daß nämlich im gesicherten Besitz allein unser Anteil an der Wirklichkeit bestehe. Zur Realisierung unserer Existenz kämen wir danach nur im Ubereinanderschichten von Gütern, die besitzbar sind. In dieser Meinung befangen, versucht die Menschheit die Grundlage ihrer Existenz, die Zeit, zu organisieren und in Besitz umzusetzen. Es kann nicht bestritten werden, daß das zu vielen Ergebnissen führt. Aber übersehen ist bei diesem Vornehmen, daß die Zeit nicht nur Möglichkeit und Mittel der Zweckerreichung bedeutet, sondern eben Existenzebene des Menschen ist. Als solche aber geht sie, je nutzbringen- 211

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