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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 79)
Language
German
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zunehmen haben. Wenn wir den Zugang gewinnen wollen zu dem, w as in den Elegien vorgeht, müssen wir uns dahin führen lassen, wohin uns der Dichter vorausgegangen ist, zur Besinnung auf uns selbst. Bei einer solchen, dem Dichter nachgehenden Besinnung handelt es sich ebenso wie bei einer Deutung durch Formanalyse um Reflexion, die über das hinausstrebt, was der Dichter sagte. Doch diese Reflexion bewegt sich nicht auf einer Ebene, die zu der Lage des Dichters gleichsam quer liegt; sowie jede von den Formelementen ausgehende Deutung des Dichtwerks eine Querdimension voraussetzt, von einer transpersonalen Ebene aus spricht. Vielmehr ist die Lage des Dichters, die durch die Bedrohung der eigenen Person und das Bemühen um Wahrheit charakterisiert ist, auch unsere Lage. Einer derartigen Reflexion auf die Lehrgehalte von Rilkes Dichtung bedarf es um so mehr, als die Verknüpfung, die im Rilkeschen Werke neues Wissen und hochgesteigerte Verskunst eingegangen miuI. den Zugang zu der Dichtung erschwert. Natürlich ist die Verknüpfung von Dichtung und Wissen keine äußerliche. Das Dichterische hat für Rilke die Möglichkeit der Sichtung von Daseinswirklichkeit bedeutet. Die Dinge, die Rilke sah, sind von ihm erlebt worden auf der Ebene seines Dichtertums und von ihm auch auf dieser Ebene, im dichterischen Wort, bestanden, ausgesprochen, ausgeformt worden. Trotzdem bleibt in Rilkes Gedichten fühlbar eine Spannung zwischen den beiden Tendenzen dichterischer Bemühung, zwischen Wissen und Form, deren jede von Rilke in extremer Weise zu ihren höchsten Möglichkeiten gesteigert und herausc? r? ir getrieben ist. Diese Spannung hat das Rilkesche Werk mit einer Fragwürdigkeit belastet,die es zum Teil verständlich macht,daß Rilkes stärkste und dringendste Dichtungen so wenig Wirkung auszuüben scheinen. Des Dichters Wissen liegt - hineingesprochen in die hochgezüchtete Form - dort nun gleichsam verschattet; es ist dadurch in seiner klaren Bedeutsamkeit für den heutigen Menschen gefährdet. Rilke selbst hat nicht mehr, wrie er plante, durch autobiographische Erläuterungen zu den Elegien sein Werk fortsetzen können. So müssen wir, wenn der Lehrgehalt dieser Dichtungen für uns fruchtbar werden soll, versuchen, in nicht dichterischer Form auszusprechen, was in den Elegien erschlossen ist. Im dann durch Auseinandersetzung mit dem, was Rilke lehrte, dem näher zu kommen, was uns eigenst angeht, der Frage der Wirklichkeit unser selbst. 201

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