Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 91)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823778--0711-2824660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Weg zur Wirklichkeit unseres Lebens. Er führt auf den Tod zu. Eine merkwürdige Querstrebigkeit scheint sich als Grundwesen des Lebens aufzutun. Wer besitzen will, verliert, und wer nicht zu haben bereit ist, der gewinnt. - Doch hier muß unser Fragen beginnen. Wenn es gleich wahr sein mag, daß der Besitzwille des Ich sich rächt in der Unwirklichkeit des Erlebens, ist darum schon nach einer innerweltlichen Gerechtigkeit dem zur Besitzlosigkeit sich Entschließenden die Gnade bereitet? Wie kann diese Hingabe an die unhaltbaren Wirklichkeiten geschehen, dies sich den Schmerzen „gelöst" ergeben „in ihr gelöstes Haar46? Nicht nur, daß diese Hingabe an die Schmerzen die eigenen Möglichkeiten des Menschen zu übersteigen scheint, - sondern wenn ein solches Umfassen des Todhaften möglich wäre, würde sich der Sinn dieses Verhaltens verkehren. Nun handelte es sich nicht mehr um Abspannung des Sicherungswillens, sondern um ein Greifen nach Besitz in anderer Richtung. Damit wird Rilkes Lehre zweideutig. Die Bereitschaft zur todhaften Wirklichkeit erscheint als ein wie immer motiviertes Bestreben um Sicherung des Lebens in einer ungewohnten, umgekehrten Richtung. - Diese Zweideutigkeit leuchtet besonders eindringlich auf in der Lehre von der besitzlosen Liebe. Ist nicht bei ihr beteiligt ein Bemühen, dem Schicksal zu entkommen auf Grund der Einsicht, daß „Bleiben nirgends'* ist? Rilke hat seine Lehre von der Einheit des Wirklichen mit der Gnade letztlich ergriffen und befestigt in seiner Deutung des Todes. Mit dieser Deutung des Todes muß sich auseinandersetzen, wer erkennen will, was Rilke über das Leben des Menschen uns zu sagen hat. 7. Eine Deutung des Todes, auf die schon die Gesichte der Elegien hindrängen, wird in den Sonetten an Orpheus ausdrücklich ausgesprochen. Der Tod als uns bevorstehende Wirklichkeit nimmt uns den Besitz der Dinge. Der wahrhaft Sterbende, wie Rilke meint, sieht den Tod nicht mehr. Er haftet nicht mehr von Angst um Besitz getrieben am einzelnen O C5 Gut. So auch derjenige, der vom Wissen um den Tod aus sein Leben versteht. Er ist „allem Abschied voran"; denn er hat den endgültigen Abschied begriffen und überstanden. Darum wird ihm, wie Rilke in der neunten Elegie sagte, nicht Zukunft noch Kindheit weniger. Er lebt jenseits des Bereichs zählbarer Welt Wirklichkeit. Im Tode sind alle irdischen Dinge uns schon entzogen. So ist er gleichsam das uns abgenommene, uns vor- 213

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.