Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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unscheinbare Ding hinein, an dessen Wirklichkeit geglaubt wird. Wir sind ihm, lange ehe es zu den Niederwerfungen und Gebeten kommt, schon dadurch verschrieben, daß wir, still am Tische sitzend, den Atem einziehen und ausgeben, gläubig verweilend auf der Wirklichkeit der Obstschale, die vor uns steht, überzeugt vom Leben des Kindes, das nebenan schläft, angesprochen von den Stimmen des Tages und der Nacht, teilnehmend am Leben der Welt durch argloses Lieben und Leiden und was sonst noch zum Inhalt eines menschlichen Lebensraums gehört. Ich will nicht sagen, daß wir durch dieses alles schon Gott „erkennen44 oder in der Richtung auf ihn zur durchgängigen Ordnung gebracht seien. Sehr viele Torheiten und Irrungen werden uns auch dann noch beschieden sein. Aber wenigstens einen ersten Orientierungspunkt werden wir gewonnen haben, wenn wir begriffen haben, daß es die vermutete Einsamkeit des Ichs nicht gibt, daß aller Friede und alles Leben von Gott kommen, weil außer ihm nur das Nichts ist. Keine menschliehe Phantasie kann ein Leben erdenken außerhalb Gottes; nicht einmal ein bloßes „Sein". Jede Küste, an die wir uns aus den Strudeln des Nichts retten, ist Gottes Land. Jedes Morgen, an das wir glauben, ist sein Reich. Sein Raum ist weiter als jeder menschliche Zweifel. Noch einmal: nur um den Preis eines schrecklichen Todes können wir Gott entrinnen ins Nirgendwo. ~ Was tut es, ob der eine seinen Namen täglich ausspricht, der andre niemals? Da müßte doch erst ausgemacht sein, welches sein Name ist - der Name des Ewigen, dessen erstes Merkmal es ist, daß er alles nach jeder Seite überschreitet: das Maß, um ins Ungemessene zu gehen; das Ungemessene, um bestimmt, fordernd und gestaltgebend in unser Leben zu treten; das Begrenzte, um uferlos zu sein; das Uferlose, um Person zu sein. Aufhebung aller Begriffe und Setzung aller Begriffe, Luft, die wir atmen, Geheimnis, in dem alles Gewisse schwebt, nach menschlichen Maßen faßbar, alltäglich und sinnfällig in der nüchternsten Form. Wenn ein Kind in der Nacht aufwacht, so kennt es den Vater im dunklen Zimmer am Schritt und am Atmen. Diesem Kiud ist der Mensch an der äußersten Grenze jener Einsamkeit vergleichbar. Es kommt etwas in seinen Raum. Er sieht nicht, was an ihn herantritt, aber er kennt das Väterliche an untrüglichen Merkmalen. Er wehrt sich nicht, er legt sich mit aller Kraft an seine Brust und tut wie das Kind: er schläft schwebend in seinen Armen ein. 199