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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 82

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 82)
Language
German
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Krankheit aus wachsen, die den Menschen von der Wirklichkeit absperrt. Ein Lebensgang wäre denkbar, und ist wohl früher den Menschen selbst verständlicher gewesen, wo hingegeben an das jeweils Erlebte der Mensch im Anderen lebte, ohne schon „von Erwartung des Zukünftigen zerstreut66 zu sein. Auch dann würde Wechsel und Vergänglichkeit das Leben beherrschen. Aber nicht mehr jener den Umgang mit dem Anderen zerstörende Fortdrang; nicht mehr würde die Stellung zur Zeit dem menschlichen Erleben verhängnisvoll werden. Man könnte glauben, dies abgedrängte Zeiterleben der heutigen Menschheit sei etwas Sekundäres, etwa abzutun als Frage der Nerven, die das letzte Sein des Menschen, sein Ethos, sein Verhältnis zu den entscheidenden Wirklichkeiten nicht angehe. Rilke hat erkannt, daß dem nicht so ist. Wirklichkeit wird den Menschen nur durch den Umgang mit Anderem, und das Andere ist nur zugänglich durch die Zeit. Nur im fortgesetzten Augenblick kommen Mensch und Anderes zusammen. Wirklichkeit ist nur zu haben als gebrauchte in einem sich fortsetzenden Lebens- und Liebesumgang. Menschen und Dinge erfordern ein Eingehen unseres Verhaltens in sie, um für uns w irklich zu werden. Indem sie unser Leben für sich beanspruchen, geben sie uns erst die Wirklichkeit unser selbst. Das um den Andern bemühte Wort und Handeln schlägt sich gleichsam in eine Wirklichkeit außer uns ein und bringt so den Sturz unseres Lebens zum Stehen. Zugleich aber kehrt es bereiter zu uns zurück, baut es aus unserem Vergangenen die Dichte einer Gegenwart auf. - So war es in früheren Zeiten; aus den „Tempeln des Herzens", aus Worten, Werken, Taten, die „gedient", „gekniet" waren, strömte Stärkung der Gegenwart des täglichen Lebens zu. 3. Wie kommt es dazu, daß uns Heutigen Wirklichkeit fehlt? Nur aus Andeutungen können wir entnehmen, wo Rilke die Wurzel des Übels erblickt hat. „Fürchtet euch nicht zu leiden"; Angst treibt die Menschen an der Wirklichkeit vorbei. Darum sind ihnen die Augen „wie umgekehrt", sie gleiten ab von der begegnenden Wirklichkeit, sie sehen „rückwärts" auf sich selbst. Die Reflexion, das Charakteristikum des modernen durchkreuzten Bewußtseins, begreift Rilke an dieser ihrer Wurzel. Die Angst um sich selbst verstellt den Menschen den „freien Ausgang6' zur Wirklichkeit. Sie sehen nicht „das Offene", sondern stets die von einer Sorge her 204

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