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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 84)
Language
German
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Organisation nach bestimmten Regeln, Antizipationen, die es abdrängen von der Völligkeit des Erlebens, Das Leben desTänzers - wie Rilkes Freund Rudolf Kaßner einen bestimmten Typ des heutigen Intellektuellen benannt hat - ist bestimmt durch die „Geste66 (ein Begriff, der nicht zufällig in dieser Zeit als Lebenskategorie in Aufnahme kam). Sein Verhalten meint etwas, ohne nach etwas zu greifen. Er lebt im Selbstgenuß seiner Eigenbewegung. Daher stammen die Züge, die Kaßner an ihm hervorhob, der Blick ohne Gegenstand, die wahllose Erotik, die erstarrte Affektation und die nervöse herzlose Einsamkeit. Bürger und Tänzer schöpfen beide nicht aus der Wirklichkeit, sondern leben nach einem Schema, spielen eine Rolle. Darumsind sie halbgefüllte Masken. Des Bürgers Rolle ist eine allgemein gebrauchte, die des Tänzers eine selbstgeschaffene. Ein Unterschied, der sich heute verwischt, sofern das Selbstschaffen als eine allgemeine Möglichkeit begriffen ist, andererseits die das Bürgerdasein leitenden Vorschriften, Vorurteile, Vorwegnehmungen sich gelockert oder aufgelöst haben. Der heutige Großstädter hat diese Lebensformen geerbt und in sich vereinigt. Aus dieser ihrer innersten Seelenlage heraus begreift Rilke das Gesicht der Zeit. So wird es ihm sichtbar hinter den Bauten der modernen Großstadt, die nichts anderes aussprechen als die Gegenstandslosigkeit des heutigen Menschen. „Wo einmal ein dauerndes Haus war, schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichem völlig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne.66 Die Zweckwelt, die Spiegelwelt des Ich und seiner Interessen, hat sich an Stelle der Wirklichkeit geschoben. Darum ist, was zu dieser Zweckwelt gehört, „nur wie gedacht66. Nicht die Verzwecklichung der äußeren Welt als solche sucht Rilke zu hemmen. Er weiß, daß in ihr ein schicksalhaftes Geschehen abläuft. Wohl aber stemmt Rilke sich dagegen, daß der Mensch an diese Zweckwirklichkeit nun seine Existenz setzt, statt an neuen Stellen, im mehr Unsichtbaren, jetzt Wirklichkeit zu suchen. „Doch der Maschinenteil will nun gelobt sein.66 Statt daß gestrebt würde, das von der Zivilisation Errungene „ohne Leidenschaft66 in den Dienst des Menschen zu stellen, sucht der heutige Mensch in der ichzweckhaften Weltorganisation das Eigentliche seines Daseins. Abseits der Fragen von Kulturpessimismus oder Zivilisationsbejahung dringt bei Rilke die Einsicht durch, daß der Mensch in falscher Richtung die Wirklichkeit seines Lebens sucht. Rilke will Umkehr von einer den verschiedensten Bewegungen der Gegenwart gleichartigen 206

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