Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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die Welt organisiert, kann ihm diese Wirklichkeit aufgehen. Aber wie kann das geschehen? Wie kann der Mensch von der Bemühung um Sicherstellung des Ich in der Welt und der Welt für das Ich loskommen? 5. Einer Verderbnis des modernen Lebens stellt sich Rilke entgegen. Er bekämpft eine bestimmte Seelenlage - nicht unähnlich derjenigen, die Kierkegaard und Nietzsche im Auge hatten, wenn der eine den Geist der Schwere, der andere die Schwermut angriff. Sie beide setzt Rilke fort, wie andererseits ihnen gegenüber sich sein Wirkungswille sehr charakteristisch abhebt. Wie Nietzsche spricht Rilke von der Schwere, die es zu überwinden gelte. „Die Schwere gibt sie zurück an der Erde Gewicht." Wie Nietzsche wendet sich Rilke gegen Ungeduld und Müdigkeit, gegen unser voreilig reifes und wieder welkes Benehmen". Nietzsche hat gegen diesen Verfall den schaffenden und angreifenden Mut aufgerufen. Dabei aber verfiel er selbst dem Verhängnis, dessen Auswirkung auf der Ebene des geistigen Schaffens und Wortens von Rilke aus erst ganz verstanden werden kann. Nietzsches Weltbild ist vom dichterischen Wort, vom pädagogischen Willen hochgerissen, vom Rausch der Möglichkeiten geschwellt. Nietzsche selbst - der Bereitschaft zur Wirklichkeit ermangelnd - sucht ungeduldig und müde Welt zu meistern durch ein bezugloses Denken, bezugloses Sprechen. Das im leeren Raum geschaffene, in den leeren Raum hinausgehende Wort, ohne Sachbezug wie ohne hörendes Gegenüber begegnet immer wieder nur sich selbst, bleibt auf sich selbst bezogen, ohne Gegenhalt und Existenz. Seiner eigenen Unwirklichkeit im tiefsten stets bewußt und darum kaum gesprochen schon halb gefüllte Maske muß es die selbstgeschaffene Ubersteigerung und Maskierung wieder stürzen oder übersteigernd zu befestigen suchen. Das ist jenes Schauspielerische, jenes Leben von Gnaden der Worte, das neuerdings Fechter mit Recht betont hat, und dessen sich Nietzsche auch in Augenblicken bewußt war. Daraus folgt sein „Götterschaffen nur um sie zu stürzen" (Stefan George). Von dieser seiner Situation spricht Nietzsche im Nachtlied des Zarathustra. „Licht bin ich, o daß ich Nacht wäre." Des Gebens müde durstet er nach dem Glück des Nehmens. Diese Selbstverfangenheit treibt Nietzsche weiter; ohnmächtig begehrend nach dem realen Bezug zur Wirklichkeit und zum Du, stürzt er nachtsüchtig in Nacht. 209