Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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gemacht hat, in die eigene Brust. Genau und gerecht geht dieser Prozeß vor sich, und mit wachen Sinnen erlebe ich dann den Augenblick, wo ich mir selber fremd werde und nicht nur meine Hände und mein Spiegelbild, sondern mein eigenes, innerstes Wesen nicht mehr kenne. Der Ausgangspunkt muß also falsch sein, der Glaube an die Alleinheit meines Ichs muß ein falscher Glaube sein. Und wunderbar: im gleichen Augenblick, da ich dieses fasse, ergießt sich ein Uberschwang von heilenden Kräften in die kranke Wirrnis. Ich gewinne die Bekanntheit mit meinem Selbst zurück, ich verdichte mich sofort wieder zu einem existenten Wesen, das an der rechten Stelle steht. Der Funke Bosheit im Gesicht der Dinge schwindet, eine selige Entzauberung macht sie zu frohen willigen Genossen meines Daseins. Solange ich den Wahn hatte, daß Ich der Einzige, der einsame Herr sei, feindeten sie mich durch Fremdheit an; denn Ich, der Allmächtige, hatte sie nicht gestiftet, also mußten sie ein Unsinn, ein Betrug sein, und sie mußten das bleiben, solange Ich allein war und die Verantwortung für das Ganze nicht hergeben wollte. Sobald ich aber diese Verantwortung ablud; sobald ich sah, daß „Ich" so scharf auf ein Gegenüber deutet wie das Echo auf eine Stimme, wie der Schatten auf ein Licht; sobald ich erfuhr, daß „Ich44 nicht etwa ein Du braucht, sondern ein Du enthält, daß unweigerlich mit jedem Setzen des Ichs jenes große, andere Leben gesetzt wird, welches die eingebildete Einsamkeit des Ichs bricht; sobald ich als wahr erblickt hatte, daß das Ich ein Symbolon im antiken Sinne ist, eine Erkennungsmarke für Mich und für den fernen Gastfreund, eine Anweisung auf Gott - von diesem Augenblick an verstehe ich mich und verstehe alle Dinge, und die Welt ist in Ordnimg. Dies also scheint mir die Erfahrung zu sein, die im Grenzlande zu haben ist: In jedem Ich ist ein Entgegenstehendes eingeschlossen und auf keine Weise daraus zu entfernen; höchstens um den Preis eines beispiellosen Todes; und auch dadurch nicht, weil damit nur der Anerkennung einer Wahrheit ausgewichen, die Wahrheit selbst aber nicht beseitigt ist. Warum konnten und können viele Menschen trotzdem glauben, daß sie Gott losgeworden seien? Ich denke, deshalb, weil sie ihn unerkannt noch in ihrem Leben haben, und zwar in der Knechtgestalt aller Dinge, die sie als echte Gegenstände anerkennen. Ich glaube, daß Gott überhaupt, im äußersten Sinne, der Gegenstand schlechthin ist, bis in jedes 198