Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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JUSTUS SCHWARZ DIE WIRKLICHKEIT DES MENSCHEN IN RILKES LETZTEN DICHTUNGEN 1. In Rilkes letzten Dichtungen, die als „Duineser Elegien" und „Die Sonette an Orpheus44 gesammelt veröffentlicht wurden, geht es um die Wirklichkeit des Menschen. Entscheidend wie sonst nirgends hat der Dichter in den Duineser Elegien von Mensch und Leben gesprochen. Ergänzung hierfür und Nachklang bis zum Absinken sind die Sonette an Orpheus und einige einzeln erschienene Gedichte. Die Duineser Elegien setzen eine aus eigenster Not geschaffene Dichtungsform durch. Sie sprechen reflektierend im dichterischen Wort über Dichtung und Dichterexistenz; ihr Wissen wwzelt in der Erfahrung des Dichters von der Standlosigkeit des eigenen menschlich dichterischen Daseins und reicht von daher in eine allgemeinere Problematik des heutigen Menschen herab. - Absicht und Bedeutung dieser Dichtung gipfelt nicht in ihrer Form. Nicht darum geht es in den Elegien, daß eine geistige Bewegtheit oder ein schon durchgedrungenes Wissen von Wirklichkeit und Lage der Seele in die bewußtseinsjenseitige Gebundenheit einer dichterischen Form münde und sich in ihr befestige, sondern ein neues Wissen wacht auf im bewußten und doch gedichtet schwingenden Wort, das von uns gehört sein will. Rilkes Dichtungsworte sind durch Weite und Enge ihrer dichterischen Dimension hindurch zu sehender Bewußtheit hochgetrieben. Die heute bevorzugte Methode der Deutung von Dichtungen durch Analyse ihrer Formelemente, Heraushebung abstrakter Beziehungen, die dann ins Menschliche verallgemeinert werden, führt hier nicht in den Innenraum des Werks. Sie mag notwendig sein, wo die Intention einer Dichtung in anderer Richtung weist. Das wissende Wort, das die Duineser Elegien sind, kann durch Analyse der außerbewußtseinsmäßigen Formelemente zunächst nur verdunkelt werden. - Dies Wort spricht nicht in abstrakten Bezügen, sondern aus der Besinnung auf die eigene, persönliche Existenz des Dichters. Diese aber steht nicht allein, sondern ist verbunden mit einem Umkreis von heutigen Menschen verwandten Schicksals. Darum kann die Dichtung in der Form des „Wir44 sich aussagen. Sie spricht von uns und an uns. Das bestimmt die Haltung, die wir ihr gegenüber ein- 200