Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirklichkeit durch das Gefühl besonders nahe. Aber mit der Forderung eines stärkeren, unmittelbareren Erlebens würde er noch nicht sich von dem Niveau zeitgenössischer Strebungen abheben. Denn das Begehren nach Erleben ist etwas für den heutigen Menschen ganz Charakteristisches. Das Erleben d. h. ein Leben, das zugleich auf sich reflektiert, ist als ein Weg sich die Welt anzueignen Zielpunkt vieler Bemühungen. Die Unbefriedigung, die in der Zweckwelt wächst, erzeugt ein Leiden an der Fühlbarkeit des Ichs und seiner Zwecke, das man durch stärkeres, durch ichbetäubendes Erleben zu heilen sucht. Es ist deutlich, daß Rilke von dieser ganzen Richtung nicht unbeeinflußt ist. Auch ihm schwebt vor ein heißeres Fühlen der Welt. „0 Seligkeit der kleinen Kreatur, die immer bleibt im Schooße, der sie austrug." Aber hierbei bleibt Rilke nicht stehen, hierüber hinaus tut er seinen wesentlichen Schritt. Jener Trieb des modernen Menschen nach dichterem Erleben der Welt ist gleichfalls ja aus dem Besitzwillen des Menschen hervorgegangen. Der Erlebende will „am liebsten alles behalten für immer". Dadurch aber geht er an seiner eigentlichen Möglichkeit vorbei. Er bemüht sich um ein unmögliches Ziel. Er ist nicht einig mit seiner Zeitlichkeit, und die Zeit schlägt ihm das im Erleben Gesammelte aus der Hand. „Ach, in den andern Bezug, wehe, was nimmt man hinüber?" Die Angst um das Erleben verstellt ihm die Wirklichkeit. Rilke hat erkannt, daß das Bestreben die Welt auszuerleben ein Fehiweg ist. Ein angespannteres Hinhören auf das Wirkliche, ein gesammelteres Aufnehmen ist allerdings zu fordern, aber nicht um des intensiveren Erlebens willen, sondern damit der Mensch deutlicher den von der Wirklichkeit an ihn ergehenden Anspruch in seiner ganzen unverwechselbaren Eindringlichkeit vernehme. - Dieser Anspruch leitet den Menschen nicht zu einem Auserleben der Welt hin, sondern zu einem begrenzten Handeln. Darum sieht sich Rilke fortgerissen von dem Erleben der unsäglichen Welt auf das Sagen bestimmter irdischer Wirklichkeiten, auf die einfachen Dinge unseres irdischen Umganges. „Hier ist des Säglichen Zeit; sprich und bekenn." Die Wirklichkeit, die Rilke für den Menschen freilegen will, führt mit sich den im Erleben des Menschen sich enthüllenden Anspruch auf ein bestimmtes Dienen. Sie ist zu erfahren nur, wenn der Mensch den Besitzwillen des Ich überwunden hat. Nur wo der Mensch nicht vom Ich aus 208