Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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gewahr, daß es völlig sinnlos ist, von einem Lebendigsein oder auch nur von einem „Sein46 in der Abtrennung vom Lebensmittelpunkt zu sprechen. Durchgängige Ablösung vom Lebensgrund überlebt kein Geschöpf. Soviel Abtrünnigkeit, soviel Tod ist in ihm. Aber auch: soviel Leben in ihm ist, soviel Glaube, Beziehung, Gehorsam und Hingabe sind in ihm. Die ungeheure Rolle, die in der Menschengeschichte — ich denke vornehmlich an Kunst und Dichtung - das Künstliche spielt, die Verliebtheit in Kristalle, Gifte, Metalle und andre Materien, die zu den Requisiten der Gegenwelten gehören, diese Rolle beweist, wieviel es an Abfall unter den Menschen gibt. Aber jede lebendige Stelle im Universum beweist auch, daß hier ein Punkt ist, an dem geglaubt, geliebt und gehorcht wird. Die Begegnung Noch einmal soll hier in die Situation der äußersten Einsamkeit des Ichs eingetreten werden; in jene Situation, in der kein Bild, kein irgendwie geartetes Objekt die Aufmerksamkeit mehr vom Gefühl der großen Tatsache „Ich46 ablenkt. Irgendwann fühlt sich jeder Mensch einmal versucht, zu diesem äußersten Alleinsein des Ichs mit sich selbst vorzudringen. Die kartesianische, die buddhistische Abstraktion sind Beispiele. Die Hand, der Fuß, der Arm, das Bein - das bin nicht Ich; das ist selbst zum Leben nicht unentbehrlich. Das, was „Ich44 sagt, weiß sich sogar vom ganzen Körper fast unabhängig. Es sieht sich mit ihm verbunden, aber es spürt, daß es in dieser ganzen Stoffmasse gleichsam nur ein einziger Punkt ist; ein Punkt, der alles, außer sich selbst, als Objekt betrachten und behandeln kann. Auch im Bewußtsein bedeutet das Ich nur einen Punkt. Eine Menge Dinge sind im Bewußtsein, die nicht zum Ich gehören: Erinnerungen, Vorstellungen, Gedanken, Affekte. Sie können entfernt werden, ohne daß das Ichgefühl Schaden leidet. Das Bewußtsein kann völlig entleert werden, so daß es nur noch als einsilbige, sonst inhaltlose Form bestehen bleibt. „Ich bin44 kann/ür eine kurze Weile gesagt werden ohne Beziehung auf irgendein Zweites. Es wird zwar behauptet, daß auch das Ich noch zwiebelschalig gebildet sei, daß es auch in ihm von einem Wesentlichen zu einem noch Wesentlicheren, Dichteren, Kernhafteren gehe. Mag es so sein: ein letzter Punkt muß unangreifbar bestehen, weil er das Angreifende selber ist, das Messende und Urteilende, das alles außer ihm Befindliche in die Täuschung verweist. 196