Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 90)
- Language
- German
- Belongs to
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der sie angelegt wird, um so sicherer verloren. Wie es dem Nikolaj Kusrnitsch (Malte Laurids Brigge) geschieht, der seine Lebenszeit als Kapital berechnen will. Währenddessen aber zieht ihm die wirkliche, seine eigene Zeit vorüber. Gerade dem Menschen, der die Zeit schätzt und der sie festhalten will, kommt sie ins Laufen. Denn von dem, was die Flucht der Zeit aufhält, vom Dasein in schicksalhafter Gegenwart, kommt er auf diese Weise ab. Diejenigen Stellen nämlich, an denen sich die Zeit füllt und staut, an denen dem Menschen Fülle der Gegenwart wird, - Liebe, Werk, Schicksal - sind nicht organisierbar und erwerblich. An ihnen muß die Methode der alles vorhersehenden Menschheit versagen. Aufgabe des Sicherungswillens, Bereitschaft zur ichfremden Wirklichkeit - letzten Endes Bereitschaft zum Tode - ist zu ihnen die einzige Brücke. Nur auf diesem Wege kann echtes Verhältnis des Menschen zum Du, zum Ding, zum eigenen Leben anbrechen. Durch diese Einsicht kommt die gewöhnliche Schätzung der Schicksalsgüter ins Wanken. „Welche sind die schweren Dinge? Welche die gnädigen?46 Es wird begriffen, daß die ungehabten, nicht zu habenden Wirklichkeiten, daß Tod, Leid, Entsagen, vor denen wir als vor unserem Untergang dauernd auf der Flucht sind, das eminent Wirkliche, eminent für uns Gebrauchbare sind; während die Organisierung der Zukunft von den Möglichkeiten des Ich aus in die Leere der Unwirklichkeit fortleitet. - Darum also führt der Dichter den Tod herauf, die Flucht der Zeit zum Stehen zu bringen. Und mit dem Tode alle die Dinge, die sein Vorgeschmack sind, die schlaflose Nacht, die Schmerzen, die besitzlose Liebe. Die Schmerzen sind nicht, wie wir zu glauben geneigt sind, ein Übel, eine verlorene Zeit. Durch diese Meinung „vergeuden46 wir sie. Sie sind „Lager, Boden, Wohnort44 unserer Seele. Die nicht um Besitz des Andern bemühte Liebe ist erst die eigentliche Liebe. In der Hingabe an alle diese negativen, diese todhaften Wirklichkeiten wächst uns Dasein zu. Damit ist von den befürchteten Dingen „des Unrechts Anschein46 abgetan. Die schlimme Wirklichkeit ist gerechtfertigt. Keine Angst benachteiligt zu sein, braucht uns von ihr fortzutreiben. Wirklichkeit ist immer Seligkeit. „Hiersein ist herrlich44; auch wenn es verfällt, wie Rilke sagt, „in den ärgsten Gassen der Städte44. Zu einer Wendung von eingreifender Schwere hat sich der Dichter durchgerungen. In anderer Richtung, als wir immer meinen, führt der 212