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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 88

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 88)
Language
German
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Von Kierkegaard unterscheidet Rilke die andere Stellung zur christlichen Tradition. Rilke kann nicht den Gott des Christentums gegen die Schwermut anrufen. Die christliche Tradition ist ihm abgerissen. Gott ist bei Rilke nicht von vornherein eine im bestimmten Wort offenbarte Realität, sondern zunächst nur ein vager und beliebig auszufüllender Name. Rilkes Hinwendung zu Gott verfällt dem Schicksal des unwirklichen Worts. Es gelingt ihm nicht, wie er es im Stundenbuch versuchte, Gott herauf zu worten. Gott, zu dem der Geist der Schwere hin will, wird ihm „ein Stein", der „tiefer in die Tiefe zieht". Solches Sprechen, das von Absicht und Ungeduld getrieben ist, gelangt nicht zu Gott. So spricht Rilke nicht mehr von Gott, sondern von der Wirklichkeit. In den Elegien werden Vorbilder echten Daseins aufgerufen. Durch sie will Rilke den Weg zur Wirklichkeit enträtseln. Rilke fordert nicht wie Nietzsche und Kierkegaard; sondern er zeigt auf die Möglichkeiten eines eigentlicheren und echteren Lebens. Nicht zu einer bestimmten Lehre will Rilke rufen. Die Zeit der sichtbaren Tempel scheint ihm vorbei. Er sieht die Möglichkeit, die früheren Zeiten in offenbarer Gestalt gegeben war, heute in einer Wirklichkeit, die nur dem Bemühen des Menschen um Wahrheit seines Lebens sich erschließt. Es ist, als ließe das Eigentliche unseres Lebens einen immer größeren Teil äußerlich faßbarer Welt außerhalb seiner, so daß diese Welt nun dem Zweckbestreben zufiele. Während sich für uns die bisher ungeleistete Aufgabe ergibt, uns dieser weniger faßbaren Wirklichkeit zuzuwenden, einem „Tun ohne Bild" zuzuleben. Für diese Wirklichkeit, sowie Rilke sie begriffen hat, ist charakteristisch, daß in ihr echtes Dasein und Gnade sich decken. Rilke meint, daß es keine „Entbehrungen" gebe für den, der sich entschloß, „zu sein". So genügt es ihm, zu dieser Gnade den Weg sichtbar zu machen, um zu ermöglichen, daß er betreten wird; Rilke braucht nicht zu fordern, denn der Blick in die Zukunft, sowie er dem zu echtem Sein sich Entschließenden gegeben wird, sieht dort „sich in allem und geheilt für immer". - Dieser Glaube an die der Welt innewohnende und darum ergreifbare Gnade bestimmt entscheidend Rilkes ganze Haltung. Ihm gegenüber wird unser Fragen einsetzen müssen. 6. Die Gestalten, die in den Elegien aufgerufen werden, verwirklichen das dem heutigen Menschen Fehlende, sie haben Dasein. Erleben ist ihnen 210

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