Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Die Duineser Elegien setzen voraus eine Erschütterung der Existenz des Dichters. Rilke ist sein eigenes Dichten fragwürdig geworden. Dies Dichten hat seine erste große Auswirkung im ,, Stundenbuch64 gefunden. Darin hat Rilke versucht, wie andere Gleichzeitige, auf dem Weg über die Spiegelwelt der Kunstgestalt sich an geistige Wirklichkeiten zu erinnern, die den Früheren ursprünglicher zugänglich waren, während sie jetzt in einer Tradition, die sie mehr verschüttete als bewahrte, sich nur schemenhaft fortpflanzten. Rilkes Bemühungen im Stundenbuch kamen nicht zu ihrem Ziel. Die Reime, die Gott umkreisten, fielen ins Leere. Sie vermochten nicht, ein echtes Verhältnis von Mensch und Gott herbeizuführen. Das beginnende Bewußtsein dieses Scheiterns ist schon im Stundenbuch spürbar. Der Dichter erfährt, daß seine Worte - Gefühltes, Gedachtes, Gelebtes, das in Worte ausbricht - ohne Wirklichkeit sind. In einer unfaßlichen Weise entgleitet diesem Sprechen das Ziel seiner Intention; der Mensch steht immer wieder nur seinem Gewirk gegenüber. Aus der Erkenntnis einer Leere und Sinnlosigkeit der Worte erwächst das Bestreben um das jenseits der Worte Liegende. Als Gegenbegriff zum leerlaufenden Sprechen rückt ihm Wirklichkeit in den Mittelpunkt seiner Interessen. Rilke wendet sich in seinem Dichten dem Wirklichen zu, sucht Gegenstände und Personen seines Erlebens dichtend zu erfahren und in härtester Prägnanz auszusprechen. Steinerne Objektivität wird das Ziel des Dichters. Herausgearbeitet wie Statuen stehen die „Neuen Gedichte" nebeneinander. Aber auch dieser Weg führte nicht zur Wirklichkeit. Objektivität ist nicht gleich der Wirklichkeit, die Rilke sucht. Nicht auf das Erfassen und Bilden von Wirklichkeit kommt es an, sondern auf ein Sprechen aus einem Dasein heraus, das wirklich ist. Gesang, das erfährt der Dichter, muß „Dasein" werden. „Wann aber sind wir?" Wir fragen, warum der Dichter kein Dasein hat. Schon im Stundenbuch hat sich Rilke darauf die Antwort gegeben. Sein Gedicht ist „einsam und unerhört". Der Dichter ist in spezifischer Weise isoliert und ohne Verhältnis zu einem hörenden Gegenüber. Damit beginnen die Duineser Elegien. „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn?" Das Wissen um die Isolation und die daraus folgende Wirklichkeitslosigkeit seines Dichtens treibt Rilke zur Besinnung auf die Grundlagen seiner menschlichen Existenz. Er erkennt, daß die Problematik seiner eigenen Existenz in einer 202