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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 75)
Language
German
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Um diese letzte Einsamkeit also geht es; um das letzte Wachsein im Abgrund einer atemlosen Stille; um das äußerste Beisichsein des Ichpunktes; um jene Stelle, wo ein einziges Ohr noch in die gähnende Leere hinaushorcht, ein einziges Auge noch in das gegenstandslose Dunkel sieht. An dieser Stelle machen wir eine Entdeckung. Hier, an der fernsten Grenze, wo das Ich frei in den leeren Raum wuchert, wo eine Flamme brennt ohne Sauerstoff, eine Stimme tönt ohne Echo, hier im unerbittlichen Ernst dieser Einsamkeit erfahren wir, daß es keine vollkommene Einsamkeit, keine vollkommene Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Ichs geben kann. Wir erfahren, daß „Ich" nur gesagt werden kann in Beziehung auf ein Anderes, auf ein selbständiges Gegenüber. Ich weiß an dieser Stelle, in der Verlorenheit dieser Nacht, nichts mehr von Christenglauben, Judenglauben, Heidenglauben. Ich habe sämtliche gelernten und gewußten Götter vergessen, auch alle Arrangements, die der Mensch je und je mit den sogenannten Welträtseln getrollen hat. Ich erfahre in dieser Stunde nur das Eine, daß es die vermutete und gemeinte Alleinheit und Einzigkeit meines Ichs nicht gibt. Hier heißt es nicht bloß: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, sondern: Es ist nicht wahr, daß der Mensch allein sei. Die Einsamkeit hat einen eisigen Atem; aber dicht hinter ihrer tödlichsten Kälte kommt ein warmer Südwind daher, der Südwind der Gewißheit, daß da in der anscheinend völligen Leere doch Etwas ist. Ich höre einen Atem, ich höre ein Rauschen wie von einem gewaltigen Meer. Ein Fremdes ist an mich angenähert, das da beginnt, wo wir aufhören, das entschieden nicht zu unserem Ich gehört, und es antwortet hinter der Mauer aus rabenschwarzer Nacht. Ich fühle mir gegenüber ein Leben, das keiner erfinden könnte, wenn es nicht da wäre; das wir am wenigsten hier erfinden könnten, wo wir ganz Einsamkeit, Bosheit, Starre und Wildheit sind. Diese Einsamkeit ist doch der Punkt, wo Mir am ehesten wieder einfallen müßte, wann und wie Ich das Leben gestiftet, die Sonnen und Erden gebildet habe - Ich, der Alleinige, Ich, der Einzige und der Herr. Aber in meiner Erinnerung ist nichts davon. Im Gegenteil: genau in dem Augenblick; da Ich Mich als den Einzigen fühle, fängt die Welt an, mir fremd zu werden, die Fremdheit greift um sich wie kalter Brand in lebendigem Fleisch, sie verdirbt mir die Natur und die Menschenwelt, verrückt mir alle Beziehungen und greift mir schließlich, nachdem sie mir jede Blume zum erbitterten Feind 197

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