Mannheim
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192619321938
  1. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 78

    7« Das Ende haben wir kürzlich in jenem wahrhaft furchtbaren Aufschrei erlebt, mit dem Alfred Kerr sich von seiner dreißigjährigen lebensbestimmenden Liebe lossagte, als Gerhart Hauptmann sich zum Nationalsozialismus b…

  2. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 79

    79 Riehard Wagner und den Kreis um die »Bayreuther Blätter« hinzuweisen, aus dem dann Houston Stewart Chamberlain, der gefährlichste publizistische Popularisator der Gobineauschen Rassentheorie und — indirekt — der dämonisch besessen…

  3. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 80

    80 daktion der »Times« hat ihm eine marmorne Gedenktafel — an ihrem Londoner Haus — gesetjt. Allerdings wuchs die deutsch-liberale Presse unter jüdischer Leitung unaufhaltsam von Jahrzehnt zu Jahrzehnt bis etwa in die Jahrhundertwende. Wir …

  4. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 81

    …es uns doch ehrlich: es waren Juden. Darüber kam doch im Grunde die Myriade der Leser und treuen Verehrer nicht hinweg. Maximilian Harden, der politische Mensch par excellence, ein Kenner des diplomatischen Betriebes wie kein zweiter, ein umfassender Polyhi…

  5. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 82

    …einer historischen Aufgabe, das Schicksal des Judentums vom Schicksal des Liberalismus und der Assimilation loszulösen: Theodor Herzl. Dieser Funke, der mitten im Zentrum des jüdischen Presseliberalismus, in der Atmosphäre der »Neuen Freien Presse« auff…

  6. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 83

    83 alles, was man von »Sehmook« und seiner Parole nur verlangen kann. Und was die publizistisch-politische Korruption betrifft, so steht ein Mann wie der stockkonservative Antisemit Friedrich von Gent}, der Freund Adam Müllers, als Exempel …

  7. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 84

    …n nicht dieses Opfer der Selbstaufgabe verlangt der Genius der Geschichte von uns. Sondern das Opfer der »Distanz«, wie Max Brod definiert: daß wir als Juden lieben, als Juden verwerfen, als Juden uns entscheiden müssen, wohin immer wir sonst polit…

  8. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 85

    wird zur Bewegung, zum Rhythmus, zum Tanz; die Ekstase des Gemüts, der Seele wird zum Ton, zum Klang, zum Lied. Alles Unaussprechliche, Ungreifbare, das so echt ist, daß wir es aus der Tiefe unseres Empfindens durch keine Beschreibung hervo…

  9. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 86

    …standen unter den Juden wieder originale schöpferische Geister von Weltbedeutung. Wie in den anderen geistigen Bezirken Sigmund Freud, Henri Bergson, Wassermann usw., in der Musik Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Die uns völlig unverständlichen Ausbr…

  10. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 87

    …asein mit alles überrennendem glühendem Einheitsverlangen durch seine unbedingte Ehrlichkeit zu klarem Ausdruck bringt. Gustav Mahler wurde in einem kleinen Dorf an der böhmisch-mährischen Grenze 1860 geboren als Sohn eines jener bescheidenen Gemischtwa…

  11. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 88

    88 daß diejenigen Elemente des Christentums, die ihn anzogen, die Elemente waren, die es vom Judentum entlehnt hatte. Denn vom wirklichen Inhalt des Judentums wußte er, wie die meisten seiner Generation, so gut wie nichts. Das religiöse Bek…

  12. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 89

    89 stammen. Der dritte Schaffcnsahschnitt, der Höhepunkt, die sieghafte weltumfassende Verklärung ballt sich in einem einzigen Werk zusammen, dem monumentalsten Mahlers und seiner Zeit überhaupt: der Achten Symphonie. Hier ist das Liedhafte…

  13. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 90

    90 des Orients. Im Adagio der Neunten Symphonie, stärker noch im unaussprechlich erschütternden Fragment der Zehnten tönt diese Demut der letjten Hingahe ans Zeitlose, dieses Verflüchtigen alles Irdischen in der Selbstaufgabe und Rückkehr i…

  14. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 91

    …ik, sondern im gesamten Musikschaffen Mahlers vom ersten Ton an eine Unterströmung urjüdischen Wesens unverkennbar ist. Max Brod hat diese Entdeckung gemacht, als er im Krieg einmal einen chassidischen Flüchtlingsgottesdienst hörte und in den Vorbe…

  15. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 92

    92 Heinz Politzer: Marc Chagall Versuch über eine Gemeinsamkeit europäischer und jüdischer Kunst. Fortschrittliche Kunst europäischer Geg…

  16. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 93

    …mlichsten Gründe menschlicher Seelen hat den gesamten Stand des neuen Geistes befruchtet. Sie ist im Werk der Deutschen Hermann Hesse und Thomas Mann bewußtermaßen Gestalt geworden, und weder der Engländer Aldous Huxley noch der Franzose Jean Cocteau hä…

  17. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 94

    94 leistete, der unseres Wesens andere, nicht weniger lebendige Seite darstellt. Realismus liegt gleichermaßen in unserer Art wie in unserer Geschichte begründet, die Bibel ist sein Zeuge und die Tatsache nicht minder, daß wir uns durch ihn…

  18. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 95

    95 dies nun zugestehen, zu Unrecht wohl, doch nicht ganz unbegründet. Der Maler Marc Chagall nun, russischer Jude, in Paris zu sich findend und sich vollendend, vereinigt in seinem Werk auf exemplarische Art jüdi…

  19. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 96

    96 diesen Bildern stehen in den Röcken jüdischer Schüler, die Mädchen in jüdischer Tracht vor uns; der alte Jude, sehnsüchtig über sein Geigenspiel geneigt, kehrt immer wieder, bald hoffnungslos in eine transparente Schneelandschaft gelager…

  20. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 97

    97 ein Volk, das immer und überall die Ankunft des Messias erwartet hat, um eben der unzeitliehen, ortlosen Gegenwart solcher Hoffnung willen die Fesseln von Ort und Sturide besonders leicht hat abstreifen können. Als ein Beispiel mögen etw…