Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
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83 gen können. Haben nicht Publizisten ähnlicher Art, ein Junius, ein Rochefort, der junge Clemenceau — von der Journalistik der großen französischen Revolution ganz zu schweigen — ganze Stadtviertel und Departements in Bewegung gesetjt, Regierungen gestürzt, Zehntausende auf die Beine gebracht, Gesetje und Zurücknahme von Gesehen und Verordnungen erzwungen? Aber hier haben wir eben diese Seltsamkeit: die Artikel wurden gelesen, die Chansons wurden gesungen, sogar in proletarischen Wandertheatern —■ und doch schlug eigentlich nichts davon durch, nichts zerbrach die Wände des bloßen Bildungsbetriebes, nichts drang in die Herzen des Volkes. Fehlte es hier an Talent? Fehlte es an reinem Willen? An Energie? Ach nein. Sagen wir es uns doch ehrlich: es waren Juden. Darüber kam doch im Grunde die Myriade der Leser und treuen Verehrer nicht hinweg. Maximilian Harden, der politische Mensch par excellence, ein Kenner des diplomatischen Betriebes wie kein zweiter, ein umfassender Polyhistor der politischen Weltgeschichte: er starb als einsamer und vergessener Privatmann, nicht die kleinste konkrete politische Aufgabe hatte die Republik für ihn übrig, nur eine Narbe auf seinem Kopf, eine lebensgefährliche Narbe nach einem mörderischen Attentat, hatte er als Denkzeichen seiner publizistischen Tätigkeit behalten, — Da war eine ganze Welt des kulturpolitischen Betriebes, mit hunderten großen und kleinen Positionen, mit inneren und äußeren Kämpfen, weltumstürzenden Debatten und Polemiken, mit einem weitverzweigten internationalen Netj von Beziehungen, mit Friedenskonferenzen, Defensiv- und Offensivbündnissen, mit Gesandtscbaften und bevollmächtigten journalistischen Ministern. Bei Eintritt der Katastrophe von 1933 brach das ganze gigantische Luftgebäude widerstandslos sofort zusammen. Angesichts der tiefen Schattenseiten des jüdisch-liberalen Journalismus sollte übrigens nicht vergessen werden, daß er auch das Gegengift, und zwar von der schärfsten Art, im eigenen Körper erzeugte. Da ist, schon in den Anfängen, Ferdinand Lassalle, und seiaie großartigen, glühenden rhetorischen Zornausbrüche gegen die bürgerlich-liberale Presse. Da ist Karl Kraus, der in seiner »Fackel« Jahr um Jahr die jüdisch-liberale Presse, die Presse überhaupt, befehdet. Selbst die extrem antisemitische Publizistik hat seltsamerweise unter ihren Hauptvertretern einen Juden: es ist Edouard Drumont, der Antidreyfusard, der Herausgeber der »Libre Parole«, die eine entscheidende Rolle in