Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 90)
- Language
- German
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88 daß diejenigen Elemente des Christentums, die ihn anzogen, die Elemente waren, die es vom Judentum entlehnt hatte. Denn vom wirklichen Inhalt des Judentums wußte er, wie die meisten seiner Generation, so gut wie nichts. Das religiöse Bekenntnis dieses Meisters des unmittelbaren persönlichen Ausdrucks wird übrigens weit stärker und klarer aus seiner Musik als aus den Tatsachen seines Lebens zu uns sprechen. Mahlers Lebenswerk zeigt vier in der Stimmung scharf unterschiedene Abschnitte. Jede Entwicklungsepoche hat neben den Symphonien ihren Liederkreis, der mit den Symphonien organisch verwachsen ist. Schon die Jugendarbeit »Das klagende Lied« enthält das spezifisch Mahlersche Melos, dieses zwischen Dur und Moll schwebende, mit seinem langen melodischen Atem einfach und geradeheraus, wie es seit Schubert und Mendelssohn nicht mehr erklang. Etwas fast Unbegreifliches umgibt die Entstehung seines ersten Liederzyklus »Die Lieder eines fahrenden Gesellen«. Ohne daß Mabler je »Des Knaben Wunderhorn« gehört oder gelesen hätte, trifft er als Dichter hei freier Benützung eines zufällig gefundenen Textes mit täuschender Vollkommenheit Stil und Charakter dieser urwüchsig naturhaften, dabei innig schlichten Art, diesen ganz unverwechselbaren Ton ungeschliffener eigenwilliger Volkstümlichkeit. Er empfand es selbst als zauberhafte Überraschung, als er den Band der Wunderhorn-Lieder später in die Hand bekam, und war ganz trunken von dieser unwahrscheinlichen Selbstbegegnung. Wie sollen wir uns dieses Phänomen erklären? Es war die geradezu zwanghaft übersteigerte leidenschaftliche Liebe zu dem neuerlebten Humusboden der Sprache, die er als Heimat annektierte, weil er in sie hineingeboren war. —• Die dankbare Freude, das fanatische Verlangen in einem so naturgewachsenen urkräftigen Element zu verwurzeln und zu verwachsen, wie es gerade die intellektuellsten Juden jener Zeit erfaßte und das virtuose Sprachleistungen einer besondern Art in die deutsche Literatur einführte. Ich erwähne nur Fritj Mautner, Gundolf, Bonhardt und in einigem Abstand Karl Kraus. Der volkslied-nahe jugendfrische Charakter des ersten Schaffensabschnittes umfaßt die ersten vier Symphonien mit den darin verwobenen Gesellen- und Wunderhornliedern. Der zweite, mit Seelenkämpfen und geistigen Problemen am meisten beschwerte, die Zeit der Mannesreife spricht aus der Fünften, Sechsten und Siebenten Symphonie mit Rückert-Liedern, die der gleichen ,Zeit ent-