Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 96)
- Language
- German
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94 leistete, der unseres Wesens andere, nicht weniger lebendige Seite darstellt. Realismus liegt gleichermaßen in unserer Art wie in unserer Geschichte begründet, die Bibel ist sein Zeuge und die Tatsache nicht minder, daß wir uns durch ihn all die Jahrhunderte der Verfolgung lang bewahrt haben. Solche Dialektik zwischen Realismus und purer Form findet sich in der Sammlung jüdischer Volkslieder beispielhaft ausgeprägt, die Ludwig Strauß im Jahre 1935 für den Schockenvcrlag veranstaltet und mit vorbildlichen Kommentaren versehen hat. Auf dieses Büchlein, den dreißigsten, vielleicht wesentlichsten Band der Bücherei, kann mit gar nicht genug Nachdruck hingewiesen werden; findet sich doch in diesen Liedern und in Straußens einsichtig bescheidenen Deutungen die ganze Spannweite, die reine Darstellung jüdischer Seelenart und Kunst. Zugleich aber tönt aus diesen Texten eine Melodie, die auch die jüngste europäische Lyrik trägt und adelt: ein leichtes, assoziatives Spiel der Worte im großen Zusammenhalt alltäglich treuer Bilder und Vergleiche. Denn die gemeineuropäische Kunst befindet sich ihrerseits in einer Krise, die der Dialektik der jüdischen nahe verwandt ist. »Les verres son vides«; was ausgesprochen werden mußte, in der Sprache, den Bildern, den Tönen der Wirklichkeit ist langher schon gesagt, gesagt mit der kindlichen Unschuld der frühen, gesagt mit der Routine und dem Raffinement der nachgeborenen Meister. Geblieben ist auch hier das freie Spiel der Form, das sich im Berliner Dada ankündete, das der spanische Kulturphilosoph Ortega y Gasset programmatisch fordert, das in den Versen Jean Cocteaus oder denen des Tschechen Viteslav Nezval, das in den Bildern mancher Perioden Pablo Picassos und im Lebenswerk seiner Nachtreter, das in den musikalischen Strukturen der atonalen Musik Gestalt geworden ist. Eine Gestalt, in der die Gefahr der Selbstbescheidung, der Abseitigkeit, der vollkommenen Abkehr von der Verständigung mit dem Laien unabweisbar lauert. Darum scheint auch hier Neuland nur dort gelegen, wo diese spielerisch eigengesetjliche Welt der Form wiederum Elemente der Wirklichkeit in sich einschließt, in einem Durchdringen, einer Verschränkung von Sein und Mehrals^Sein, von Realität und Surrealität, von Alltagstreue und reinem Formgefühl. Damit ist aber die gemeineuropäische Kunst an die Grenze der dialektischen Position der jüdischen geraten, hier hat sie das Beiwort jüdisch wohl am häufigsten und lautesten erhalten und, wir dürfen