Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 92)
- Language
- German
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90 des Orients. Im Adagio der Neunten Symphonie, stärker noch im unaussprechlich erschütternden Fragment der Zehnten tönt diese Demut der letjten Hingahe ans Zeitlose, dieses Verflüchtigen alles Irdischen in der Selbstaufgabe und Rückkehr in die Ewigkeit. Das war es, was unsre Ahnen einst den Heiden als tiefste Weisheit und erlösende Sinngebung des Lebens kündeten: Das Nichts der Einzelheit gegenüber der gestaltlosen unsichtbaren Einheit, zugleich aber ihr unvergänglicher Wert im sittlichen Willen. Diese kaum faßliche Erkenntnis mit ihrem Schauer an der Schwelle des Unmöglichen ist in Mahlers Alterswerk mit einer Magie von zartestem außerirdischem Duft Klang geworden. Aber diese Werke weichen auch in der Form von allem ab, was Maliler bis dahin schuf; ja, von der gesamten europäischen Musikkultur überhaupt. Hier hat sich das ereignet, was uns auch vor dem strengsten fachwissenschaftlichen Richterstuhl dazu berechtigt, von einem jüdischen Einschlag in diese Musik zu sprechen. Die streng gesetdich geordnete Tonwelt des Europäers mit ihren militärisch gleichen Tonarten, eingehenden Vorschriften über die wohl- und mißtönenden Zusammenklänge und ihre erlaubte oder verbotene Aufeinanderfolge, dem ehernen Gitter des Taktstrichs und der gebundenen Symmetrie, die nur Melodien mit Unterabteilungen von genau gleicher Dauer duldet, all dies Bedürfnis nach Ordnung und Übersichtlichkeit, das dem Volkslied wie den ekstatischen Genie-Eingebungen des Europäers natürlich, also nicht hinderlich ist, konnte Mahler in seinen letjten Werken nicht mehr ertragen. Der Orientale kennt dieses Organisationsbedürfnis in seiner künstlerischen Gefühls-Verklärung nicht. Er gibt sich der Ekstase in einer unendlichen Melodie mit völlig freiem Rhythmus anheim, die dem Europäer als formlose Improvisation erscheinen muß. Denken wir an unsre Gebetmelodien, von denen man manche wie z. B. das Kol nidre zu ihrem nicht geringen Schaden in das Mieder der europäischen Struktur zu pressen versuchte. Gustav Mahler hat nun, als er, dem Tode nah, zum tiefsten Ursprung seines Musikgefühls zurückfand, die Fesseln der europäischen Bautechnik gesprengt, am auffälligsten im »Lied von der Erde«. Die Melodien von unvergleichlich zartem östlichen Duft sind asymmetrisch und von kühnster, wiewohl nie provokanter Freiheit der Rhythmik. Die Tonartgesetdichkeit ist völlig durchbrochen, sodaß hier das angebahnt ist, was Arnold Schönberg nach-