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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 80

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 80 (sequence 82)
Language
German
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80 daktion der »Times« hat ihm eine marmorne Gedenktafel — an ihrem Londoner Haus — gesetjt. Allerdings wuchs die deutsch-liberale Presse unter jüdischer Leitung unaufhaltsam von Jahrzehnt zu Jahrzehnt bis etwa in die Jahrhundertwende. Wir nennen: Leopold Sonnemanns »Frankfurter Zeitung« (von 1856), die Wiener »Neue Freie Presse« (von 1864; ihre beherrschende Stellung errang sie vor allem 1870 durch ihre couragierte preußenfreundlichc Haltung vier Jahre nach dem preußisch-österreichischen Krieg), das »Wiener Tagblatt« von 1865 und das »Berliner Tageblatt«, eine Gründung Rudolf Mosses, von 1872. 1877 begründete Leopold Ullstein den späteren Riesenkonzern. Doch war vor dem Weltkrieg der Höhepunkt schon überschritten. 1932 war im Deutschen Reich die Zahl der linksbürgerlichen Zeitungen — also derjenigen, die der nationalistische Antisemitismus schlechtweg als »Judenpresse« bezeichnet — gegenüber 1913 auf fast die Hälfte zurückgegangen, sie betrug kaum noch fünf Prozent aller reichsdeutschen Blätter; an der Auflagehöhe berechnet ist das Verhältnis allerdings etwas günstiger. Von 1930 etwa hing das ganze, noch immer riesenhafte Gebäude der liberalen deutschdemokratischen Presse gleichsam in der Luft: ihre W>eltblätter repräsentierten zwar noch Deutschland zum Teil draußen in der Welt, aber den politischen Boden, die Wählermassen im Lande selbst, hatten sie ganz verloren. Zuletjt war ihre Theater- und Kulturrubrik, der neutrale Nachrichtendienst, wenn nicht gar die sensationelle Aufmachung, weit mehr als der eigentliche politische Teil, zur Hauptattraktion geworden. Namhafte politische Leitartikler, wie Theodor Wolff oder Georg Bernhard, hatten ihren gebildeten Leser- und Verehrerkreis —• auf das deutsche Volk wirkten sie politisch nicht mehr ein. Es gab Dutzende kleinerer und größerer, brillant geschriebener radikaler Zeitschriften, »Die Weltbühne«, »Das Tagebuch«, »Das blaue Heft« und wie sie alle hießen. Es gab den Kurt Tucholsky, einen Pamphletisten, Tagesglossator und politischen Chansonnier, der an Schärfe, Eleganz, geistvoller Frechheit und journalistischer Elastizität seinen Vorbildern, den Pariser Straßenchansonniers der Commune, einem Jean Pottier und J. B. Clement nicht nachstand. Es gab Leopold Schwarzschild, einen Kämpfer und politischen Polemiker vom Range eines Paul Louis Courrier, Armand Carell oder Henri Rochefort. Mit dem publizistischen Dynamit, das hier aufgestapelt war, hätte man eine ganze Welt der Reaktion in die Luft spren-

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