Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
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8 l erkauft, nicht etwa nur durch die Taufe, sondern durch den ausdrücklichen, weithin sichtbaren Verrat: ein zweiter Pfefferkorn, hat Stahl schon als Student, als Funktionär einer der höchsten burschenschaftlichen Chargen, in einer grundsätjlichen politischen Auseinandersetjung als legte Instanz im antisemitischen Sinn entschieden ■— er war es eigentlich, der den Antisemitismus der Burschenschafter zur offiziellen Institution erhob. Hier sind wir an einem legten Kreuzungspunkt angelangt: echte Triebe, Triebe zur Volksgemeinschaft, zum festen, soliden Staatsgebilde, zu biblischen Vorstellungen, tiefe und natürliche Triebe, kreuzen sich hier mit dem vollkommenen Verrat am Ich, mit dem äußersten und legten Opfer der Assimilation, die das eigene jüdische Ich aufopfert. Wir wissen heute, daß auch dieses Opfer, das nach Stahl noch viele deutsche Juden gebracht haben, vergeblich war und vergeblich sein mußte: denn nicht dieses Opfer der Selbstaufgabe verlangt der Genius der Geschichte von uns. Sondern das Opfer der »Distanz«, wie Max Brod definiert: daß wir als Juden lieben, als Juden verwerfen, als Juden uns entscheiden müssen, wohin immer wir sonst politisch und weltanschaulich tendieren mögen. Daß wir uns vorerst zu uns selbst bekennen, bevor wir uns zu etwas anderem bekennen. Das gilt für den sozialistischen und revolutionären Juden nicht weniger als für den nationalen und konservativen. Auf dem bitteren Wege zu dieser Erkenntnis bildet der jüdische Journalismus eine der tragischesten Episoden. Oskar Baum: Gustav Mahler Musik ist die Kunst, in der sich am schwersten lügen und heucheln läßt. Ungleich unmittelbarer als das Material jeder andern Kunst überträgt der Ton Erlebnis und Stimmung der schöpferischen Seele in die empfangende. Und zwar deshalb, weil die Farbe des Malers, der Stein des Bildhauers und Baumeisters, das Wort des Dichters auch ihre praktische Nütjlichkeit haben und im Gebrauch des Alltags profaniert werden. Musik bricht nur in uns aus, wenn wir durch Leidenschaft aus dem Trott der Normalität hinausgeraten: die Ekstase des Bluts, der Körperlichkeit