Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 95)
- Language
- German
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93 besser, sie stehen auf gleicher Polhöhe. Zuvörderst, es ist nicht zu übersehen, daß eine Reihe jüdischer Gelehrter und Künstler die gemeineuropäische Kultur gerade dort, wo sie der Zukunft trächtig war, aufs entscheidendste beeinflußt haben. Sigmund Freuds Aufdeckung der heimlichsten Gründe menschlicher Seelen hat den gesamten Stand des neuen Geistes befruchtet. Sie ist im Werk der Deutschen Hermann Hesse und Thomas Mann bewußtermaßen Gestalt geworden, und weder der Engländer Aldous Huxley noch der Franzose Jean Cocteau hätten ohne ihr Material und Instrumentar sichselbst und ihre Leistung vollendet. — Franz Kafka und der Halbjude Marcel Proust bedeuten für den gemeineuropäischen Roman eine ähnliche Bereicherung wie Gustav Mahler für die Seele der gemeineuropäischen Musik. Und dennoch rührt der unleugbar bedeutende Beitrag, den jüdischer Geist zur europäischen Kultur geleistet hat, nicht an die wahre Tiefe der gestellten Frage. Denn wie wäre es sonst zu erklären, daß etwa die grundsätjliche Entwicklung, welche die europäische Musik durch Arnold Schönberg und Alban Berg genommen hat, unter dem hanebüchen falschen Vorurteil, sie sei jüdisch, in Bann geraten ist, selbst dort noch, wo Gustav Mahlers Werk passieren darf? Nein, radikaler Fortschritt und jüdische Seelenart stehen in anderem Verhältnis als ausschließlich dem der Beeinflußung des einen durch die andere. Aus völlig verschiedenartigen Voraussetjungen sich entwickelnd, hat die neue Kunst Europas die gleiche Richtung eingeschlagen, die unser Geist einhält, wo immer er sich selber treu ist. Jüdisches Schaffen ist ja seit eh und je der Dialektik zwischen reinem Formalismus und unbedingt nüchterner Liebe zur Wirklichkeit entsprungen. Zur freien Form wurde unsere Kunst durch das Verbot gedrängt, die ursprünglichen, die religiösen Gehalte nachzubilden. Gott verschloß sich dem Meißel, dem Pinsel, dem Wort des Künstlers, um unfaßbar groß und in Dunkelheit mächtig zu sein. Entwicklungen, wie die der Gotik oder Mystik, die auf der Gestalt-, der Wortwerdung der Glaubensgewalten beruhen, waren uns von Anfang an verschlossen, und wo sich unser Geist, wie im Chassidismus, mystischgotischen Prinzipien näherte, geschah dies eben in einer Art fortschrittlichen Abfalls, den die Orthodoxie ja auch mit dem ganzen Nachdruck ihrer festgelegten Seelen aufzuhalten trachtete. So blieb uns einzig die freie Form, das reine Ornament, denen freilich ein Realismus, ein skeptisch treues Weltgefühl Widerstand und Partnerschaft