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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 96 (sequence 98)
Language
German
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96 diesen Bildern stehen in den Röcken jüdischer Schüler, die Mädchen in jüdischer Tracht vor uns; der alte Jude, sehnsüchtig über sein Geigenspiel geneigt, kehrt immer wieder, bald hoffnungslos in eine transparente Schneelandschaft gelagert, bald in die Wolken hoch erhoben; der Rabbi, die Thora verzückt in Händen, Soldaten, in russischer Uniform und mit jener Grausamkeit gezeichnet, die sie selber in den Pogroms übten, bewegen sich heimlich und atemnah vor Dörfern, die zugleich von der Eisluft russischer Winter und der bebenden Phantastik unserer Volkssagen umgeben scheinen; und noch in den Dingen, den Blumen, den Tieren waltet jene eigentümliche innere Belebung und Beseeltheit, die altes chassidisches Erbteil ist, und die etwa bei dem großen hebräischen Dichter S. I. Agnon einen Ranzen, einen Rucksack, plötjlieh »Augen bekommen und lächeln läßt«. (Die Erzählung vom Kopftuch.) Die Formen aber, in denen sich diese Kinderträume darstellen, sind die frei- und spielerischen der französischen Schule seit Picasso, doch niemals so weit gelöst, nirgends so ungehemmt der Wirklichkeit entbunden, daß sich nicht aus ihrer leichten Komposition der Sinn und das Grundgefühl des Bildes dem guten Willen ohneweiteres erschlösse. Dennoch, diese Formwelt erscheint durchaus nicht als die gleichsam assimilatorische Sprache, die jüdisch-russische Erlebnisse und Stimmungen suchen, um Gestalt zu werden, in der sie sich der Welt möglichst universell verständlich mitzuteilen vermögen. Sie ist vielmehr dem durch sie Dargestellten so eigentümlich verwachsen, daß der Gedanke nahe liegt, sie sei dem eigenen Gehalt ebenso entsprungen, wie sie dem französischen Fortsehritt verwandt ist... Träume der Erinnerung; die Er-innerung des Künstlers aber ist mehr als bloß private Reminiszenz. In ihr treten die Erlebnisse der Vorfahren, der Vorwelt, mitunter unbewußt, doch darum nicht minder deutlich, zutage, vermengen sich die Erkenntnisse der Geschlechter. Urahn und Enkel werden in ihnen eins, Ahnungen aus der Vergangenheit und in die Zukunft werden offenbar, und Zeit und Raum verlieren ihre Macht. Die Realität jüdischer Kunst, wie der des jungen Europa, ist die Realität des Traums, ihr Gesctj das der seelischen Vision, des zweiten Gesichts. Jüdische Kunst hat von früh an die Legende geliebt und in reiner Phantastik sich bewegt; die Nachbarschaft einander ferner Augenblicke und Landschaften ist eines ihrer auffallendsten Merkmale; es mag sein, daß ein Volk, dessen Kultur so innig aus dem Glauben strömt,

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