Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4919024-4920015--0880-4920102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wird zur Bewegung, zum Rhythmus, zum Tanz; die Ekstase des Gemüts, der Seele wird zum Ton, zum Klang, zum Lied. Alles Unaussprechliche, Ungreifbare, das so echt ist, daß wir es aus der Tiefe unseres Empfindens durch keine Beschreibung hervorholen können, erlöst der Klang, der Rhythmus durch vollkommenen Ausdruck. Das Dunkelste, Unkontrollierbarste auf dem Grunde unseres Wesens äußert sich in dieser dem Verstand am meisten entrückten Kunst. Darum ist es nicht nur der Nationaltanz, das Volkslied und die Volksoper, die eine Volkseigenart in der Musik repräsentiert, sondern alles, was ein wirklich schöpferischer Mensch als Tonsetjer klanglich erfindet, ob es nun eine Symphonie oder eine Fuge oder eine Etüde ist, fördert als unveräußerlichen und unleugbaren Kern seiner persönlichen Eigenart die Eigenart seines Volkes zutage. Stellen wir J. S. Bach, Couperin und Allessandro Scarlatti einander gegenüber, so steht in verblüffender Bildkraft die Verschiedenheit des Deutschland, Frankreich und Italien in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor uns. Vergleichen wir Wagner, Verdi, Debussy und wir erhalten das Bild der drei Länder, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts politisch und kulturell verhielten. An einem jüdischen Musiker des legten Jahrhunderts will ich nachzuprüfen versuchen, ob auch in dieser, ganz aus europäischer Kulturtradition hervorgewachsenen Musik sich so etwas wie ein blutgebundenes Gesetj der gemeinsamen jüdischen Art entdecken läßt. Seit der Öffnung des Ghettos können wir auf allen geistigen Gebieten den gleichen Bogen der Entwicklung jüdischer Fruchtbarkeit beobachten. Erst1 gab es noch urwüchsige Kräfte aus dem aufgespeicherten Vorrat selbstverständlichen Eigenlebens der Jahrtausende. Der Wurzel noch nicht so fern, schoß der Saft üppig in die Blüten. So dichteten die Heine, Börne, Meyerbeer, Mendelssohn, Offenbach mit einer Unbefangenheit, wie es späteren, schon in dritter Generation als Europäer Geborenen unmöglich war. Wer könnte sich z. B. vorstellen, daß Höfmannsthal oder Borchardt als längst Getaufte es über sich gebracht hätten, etwas über »Schalet, edle Götterspeise« zu dichten oder »Keinen Kaddisch wird man sagen«! Hofmannsthal dichtete vielmehr ein katholisches großes Welttheater und Borchardt — es kam eben die Zeit der Nachahmung. Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten, Mosenthals Hohenstaufen-Dramen und in der Musik die großen Vermittler, die Taussig, Levy, Joachim, Angelo Neumann: