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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 89 (sequence 91)
Language
German
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89 stammen. Der dritte Schaffcnsahschnitt, der Höhepunkt, die sieghafte weltumfassende Verklärung ballt sich in einem einzigen Werk zusammen, dem monumentalsten Mahlers und seiner Zeit überhaupt: der Achten Symphonie. Hier ist das Liedhafte nicht mehr aus dem symphonischen Bau zu lösen und gesondert zu denken. Alte liturgische Poesie im ersten Teil und die legte Szene aus Goethes »Faust« im zweiten bieten die dichterische Verdeutlichung dieses Natur-Evangeliums von stärkster verinnerlichter Weihe, eine traumhaft tönende Darstellung der Stufen der sittlichen Menschheitsentwicklung von der unbewußten kreatürlichcn Demut bis zur Erkenntnis des unsichtbaren Sinn und Gnade verteilenden Gottes. Der vierte letjte Abschnitt, die Zeit in Amerika, da Mahler als Direktor der Metropolitan Opera die höchste Stufe einer Musikregentschaft seiner Ära erreicht hatte, bringt den zauberhaft zarten wehen Abschiedsgesang vom Leben: »Das Lied von der Erde«, die Neunte Symphonie und das Fragment der Zehnten. Innerlich war er von der Welt seiner gewaltigen Arbeitsleistung und Macht des Glanzes und Ehrgeizes schon weit fort. Er, der wie kein anderer mit klarem Erkennen den Tod auf sich zukommen sah, starb in Wahrheit nicht an einem körperlichen Zufall, nicht an der typhösen Erkrankung, die seine vorzeitige Rückkehr von Amerika erzwang. Er war von dem rasenden Tempo seines Kampfes gegen die menschliche Unzulänglichkeit um ihn her und seines Ringens um die höchste Vollendung innerlich verbrannt. Seine legten Gesänge, die so unirdisch rein, mit der wissenden Wahrheit verblutenden Herzens von seinem eigenen Tod singen, dem Leben entschwebend in zarter Erahnung des andern Reichs, umweht eine völlig neue Luft, die Luft des Morgenlandes. Altchincsische Lyrik regt die rhythmische und melodische Exotik an, aber ohne jedes wirklich entlehnte Folklore. Aus tiefstem Verlangen seiner Seele wächst diese orientalische Atmosphäre. In seiner Jugend brachte Mahler die Landschaft um sich her, die körperliche Heimat, in unerhörter Farbenfrische in Töne. Als reifender Mann gestaltete er die Zeitseele, die Probleme des europäischen Geistes. Doch zulegt, als er sich von seinem äußern Leben löste und der ewigen Heimat nahe fühlte, die Stimme seines Innersten nicht mehr übertönt wurde, stieg vom Grunde des Herzens der Gesang seines Bluts empor und sang in traumklarer Plastik, in Klangbildern von wunderbarer Vollendung vom Geist eines Landes, das er leiblich nie gesehen hatte: vom Geist

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