Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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7« Das Ende haben wir kürzlich in jenem wahrhaft furchtbaren Aufschrei erlebt, mit dem Alfred Kerr sich von seiner dreißigjährigen lebensbestimmenden Liebe lossagte, als Gerhart Hauptmann sich zum Nationalsozialismus bekannte. Wieder, wie im Falle Lessmann, offenbarte sich eine Tragödie, die in ruhigeren Zeiten nur latent geblieben war. Ob die Juden als Förderer und Begeisterte, ob sie als Polemiker und Kritiker auftraten: sie haben weder so noch so auch nur einen einzigen Antisemiten bekehrt. Und antisemitisch war ja ein Großteil der literarischen und wissenschaftlichen Welt Deutschlands seit der Romantik, versteckt oder offen antisemitisch. Ein charakteristisches Beispiel ist Theodor Fontane. Er selbst hat es in seinem berühmten Geburtstagsgedicht bestätigt, daß er, der Balladendichter preußischer Heldentaten, der meisterhafte Zeichner des preußischen Adels- und Offiziersmilieus in seinen Romanen, fast nur Berliner Juden seinen Aufstieg und Ruhm verdankte. Das hat seine eisig reservierte Haltung gegenüber dem Judentum, vor allem gegenüber dem literarischen Judentum, niemals beeinflußt. Als der alte, gütige Skeptiker nahm er zwar die Dinge hin, wie sie lagen. Aber er hat niemals geleugnet, daß seine eigentliche Neigung einer germanisch-nordischen Autarkie in der deutschen Literatur gehöre, »wie sie in manchen nordischen Ländern noch besteht«. Und seine Altersweisheit lautete: »Jude zu Jude!« Erst vor wenigen Monaten hat das Berliner Organ des schwarzen SS-Korps bisher unbekannte oder wenig bekannte antisemitische Briefe Fontanes veröffentlicht. Immer mehr wurde es zur Selbstverständlichkeit, die mannigfaltigen Schattenseiten des liberalen Journalismus einfach dem Judentum zuzurechnen; und in Zeiten wachsender konservativer und nationaler Stimmungen führte diese summarische Identifizierung immer wieder zu antisemitischen Entladungen auch in den kultiviertesten deutsch-konservativen Kreisen. Wieder wollen wir ein charakteristisches Beispiel herausheben, eine der edelsten Figuren der deutschen Kultur- und Kunstgeschichte, Jacob Burckhardt. Die Wutausbrüche dieses großen Mannes in seinen Altersbricfen gegen den jüdischen Journalismus kennen wahrhaftig weder Grenze noch Maß — eigentlich hat er den jüdisch-liberalen Journalisten Deutschlands schon alles prophezeit, was dann nach 1933 Tatsache wurde, und zwar mit wirklichen Triumphgefühlen. Es ist gewiß überflüssig, in diesem Zusammenhang auch noch auf