Mannheim
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192619321938
  1. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 159

    159 die Stunde für zwei Piaster: Denn wenn dus verträumst und versäumst den Akkord, dann fliegst du morgen aufs Pflaster. Denn wer nichts hat und lebt nur vom Lohn, dem bleibt der Strick oder der Beton. Mische den Mörtel und misch' den Beto…

  2. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 160

    160 Tony Brook : Begegnung mit dem Golem Eine Erzählung Meine Reise nach Prag war — genau genommen — eine Flucht. Ich floh vor der grauenhaften, genial organisierten Dummheit und Bösartigkeit, die (mich umgab, vor der Einsamkeit, die mich i…

  3. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 161

    161 abschieden. Er sah das fürchterliche Tohuwabohu in meinem Zimmer und meine eigene Entsehlußlosigkeit, legte wortlos Mantel und Rock ab und begann, meine Siebensachen höchst sorgfältig in meinen alten, ererbten Koffer zu verstauen. Dankb…

  4. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 162

    162 bin, mache ich eine kleine Reise — sie ist ein Surrogat; weiter nichts.« Der gute Medardus machte zage Versuche, mich aufzuheitern — es war nicht mehr nötig. Ich begann, Glas um Glas des herrlichen Weines hinuntergießen, freute mich an …

  5. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 163

    …Stern«, besonders würdig durch den Umstand, daß er die Ehre hatte, einmal den Kaiser Franz Joseph und öfter den Dichter Jacob Wassermann zu beherbergen, lag mitten in der Stadt, in der belebtesten Straße, die sich bescheiden und unzutreffend »Graben« nannt…

  6. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 164

    164 Mann, der sich nur unter Flüchen zum öffnen des Tores bereit fand; aber endlich landete ich dennoch in meinem bescheidenen Zimmer, das den fad-süßlichen Geruch aller Hotelzimmer, zumal sehr alter, atmete. Das Knarren des Schrankes und d…

  7. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 165

    165 die letzte Waffe geblieben war, der Schrei! Der Schrei, der gehört werden mußte, weil er aus blutig gerissenem Munde, weil er aus totwunder Seele drang. Als ich das Kaffeehaus verließ, war es bereits dunkel geworden. In tausend grellen …

  8. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 166

    166 Ich schrieb nun einen Brief an sie. Einen Brief? Ach, es wurde fast ein kleines Buch. Ich erzählte, klagte an, berichtete und fluchte. Es war ein unordentliches Beieinander von Tatsachen und Wertungen, es war der Aufschrei eines übervol…

  9. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 167

    167 Die Stadt hatte ihr Antlitj verändert. Alle Häuser blickten bösartig auf mich. Die Spitjen der Dome reckten sich wie Galgen in den rauchgeschwärzten Himmel. Die Ecken lachten mich aus und die vornehmen alten Palais der »Kleinseite« schl…

  10. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 168

    168 Schrittes über die Karlsbrücke dem Hradschin zu. Untröstlich, wie Drohungen, starrten die Brückenheiligen in den sternlosen Nachthimmel. Schwarz, 'ein irdischer, doppelt trostloser Himmel, lag die Moldau unter den Pfeilern des Gewölbes.…

  11. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 169

    169 »Es muß ein Irrtum sein«, entgegnete ich, »ich bin fremd hier: es ist unmöglich, daß Sie mich meinen«, und ich nannte ergänzungshalber meinen Namen. »Ja, eben Sie soll ich zum Tee bitten — zu Herrn Dr. Ciska«, sagte der freundliche Ries…

  12. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 170

    170 der Kerl ist seines Fanges sieher. »Naeh getaner Arbeit ist gut ruhen.« Wie ausgeleiert doch mein Gehirn ist, stellte ich fest; in solcher Situation fallen mir die banalsten Sprichwörter ein. Dann war die Angst wieder da: groß und leben…

  13. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 171

    171 Er geleitete uns in ein dielenartiges Empfangszimmer, stellte den dreikcrzigen Leuchter auf den Tisch und entfernte sich beim spärlichen Licht eines Streichholzes. Alle Tatkraft war restlos aus meinem Blute gewichen. Ich saß steif vor A…

  14. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 172

    172 Dann, wie um alles Gesagte auszuradieren, fügte sie zögernd hinzu: »Du weißt, ich sammle Photographien seit jeher mit Eifer.« Während sie noch sprach, trat ein dürres Männchen ein, kahlgeschoren, und seine unruhigen, vorgewölbten Augen …

  15. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 173

    173 wollte es, daß sie zuoberst lag, als Josef ins Zimmer trat. Er starrte auf das Bild, Lesann sich eine Weile, und sagte schließlich: ,Der Herr ist in Prag — soll ich ihn suchen gehen?' Und sehen Sie«, schloß der Doktor seinen Bericht, »d…

  16. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 174

    174 Gehorsam erhob ich mich. Ciska sagte: »Gute Reise.« Dann entfernte er sich grußlos. Klara führte mich noch in den Flur. Es war dunkel um uns und wir waren allein. Aber ich wagte nicht einmal, ihr die Hand zum Abschied zu reichen. Mir wa…

  17. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 175

    175 Heinz Politzer. Prolog zu einem E s t h e r-P u p p e n s p i e I Geehrte Herrn, geliebte Fraun, Die Bühne, die wir euch aufbaun Und d…

  18. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 176

    Und jeder, wahr und weis bestellt, Den Nachbarn wunderbar anlacht, Da Christ und Heide, Heid und Jud, Keiner dem andern Leid antut, Da Liebende, durchs Meer getrennt, Die Luft, das Licht, das Firmament Zu freudevollen Boten finden, Die ihne…

  19. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 177

    177 Heinz Politzer. Meiner Schwester Wenn ich in deinem Gesichte Schöner das meinige seh: Stirne in schwebender Lichte, Mund ohne Weh, Atm…

  20. 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 178

    178 Richard Beer-Hofmann: Hintergrund Alt-Aassee, Herbst 1934. Ganz vorn: „Ardon", ein sehr geliebter Junger Hund — Dahinter, ein—nun--nicht meh…