Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 177)
- Language
- German
- Belongs to
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175 Heinz Politzer. Prolog zu einem E s t h e r-P u p p e n s p i e I Geehrte Herrn, geliebte Fraun, Die Bühne, die wir euch aufbaun Und die wir mühsam heut bestellt, Bedeutet eine ferne Welt. Doch ist sie kein Flieder- und Tulpengarten, Drin Liebende leis schlafen gehn, Drin Einsame auf Einsame warten Vor weißen Beeten von Jasmin; Auch nicht die Morgenau im Licht, Wo schöne Mädchen mit schönen Knaben So Arm in Arm, so Gesicht an Gesicht, Leis atmend der Blumen Freude haben; Auch nicht die Insel im einsamen Fluß, Wo alle Lebenden endlich eingehn, Wo Reiher, Kranich und Totenvogel Sich sonderbar im Kreise drehn — Dies alles ist unser Schauspiel nicht. Hier herrscht Verrat, unrecht Gericht, Und Untreu, Zorn, verbissner Neid Geht um auf Straßen allezeit. Ein König, schön, ein wenig schwach, Und sein Minister, böser Hund, Beschließen zu einer Mitternachtsstund Eines lebenden Volkes Tod und Schmach. Und dieses Volk, wie jedes ist, Voll Güte und voll Hinterlist, Von Lieb und lang bewahrtem Groll, Von Lust und Weh die Herzen voll, Soll aufgehangen, totgeschlagen, Geschleift von Ochs- und Pferdewagen, Aus Amt gestoßen und Kanzlein, Eines Tages völlig getötet sein. Doch, meine sehr geliebten Leut, Wie unnüß ist dies Schauspiel heut, Da gute Lieb die böse Welt So wie ein Neß aus feinstem Draht An allen Enden zusammenhält, Da jeder jedem Kamerad,