Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 167)
- Language
- German
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165 die letzte Waffe geblieben war, der Schrei! Der Schrei, der gehört werden mußte, weil er aus blutig gerissenem Munde, weil er aus totwunder Seele drang. Als ich das Kaffeehaus verließ, war es bereits dunkel geworden. In tausend grellen Farben strahlte die fremde Stadt, die midi in wenigen Stunden wieder den Glauben an die Menschen gelehrt hatte. Ach, freilich, es war wenig, was ich gesehen hatte: nur Papier, keine Tat. Aber die Jahre in der dumpfen Haft hatten mich bescheiden gemacht: offenes Bekenntnis zur Wahrheit erschien mir als etwas Unerhörtes, als Offenbarung. Das Selbstverständliche war mir zum Erlebnis geworden. Es ist nicht blasphemiseh, wenn ich rundweg bekenne, Gott wiedergefunden au haben in diesen Schriften der — Gottlosen. Die untere Stufe des göttlichen Thrones hatten sie sichtbar gemacht, die Stufe der »Gerechtigkeit«, über der in Traumfernen die Aureole der legten Stufe sichtbar wird, die »Liebe« heißt. War nicht auch etwas von ihr in den Zeilen dieser Bekennenden, deren Gott nur scheintot war? Wie aus versunkenen Glocken läuteten mir die Verse des großen Liebenden ins Ohr: Es reget sich die Menschenliebe — Die Liebe Gottes regt sich nun ... * In mir war etwas aufgebrochen: ich wußte, daß ich mit meiner Verzweiflung nicht allein stand, daß Menschen lebten, die Mund und Wort hatten für mein Leid. Aber ich wollte, koninte es dahei nicht bewenden lassen, mußte selbst sprechen, wenigstens zu einem Menschen, der mir nahe stand. Meine Schwester lebte in Amerika. Sie war damals mit knapper Not davongekommen und stand nun in ihrer neuen Heimat in den vordersten Reihen der Kämpfer gegen das große Unrecht. Ich hatte ihr nicht schreiben können, wie übel es mir ergangen war, sie wußte nichts von den bangen Tagen, die ich zitternd vor Furcht und Entrüstung im Gefängnis verbracht hatte, nichts von den Demütigungen, denen ich ausgesetzt war, ein Rechtloser unter Rechtlosen, zwei lange Jahre hindurch.