Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 166)
- Language
- German
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164 Mann, der sich nur unter Flüchen zum öffnen des Tores bereit fand; aber endlich landete ich dennoch in meinem bescheidenen Zimmer, das den fad-süßlichen Geruch aller Hotelzimmer, zumal sehr alter, atmete. Das Knarren des Schrankes und der Dielen gewann etwas Abenteuerlich- Gespenstisches, das die Haut erschauern machte. Ein Schriftsteller soll nicht sagen — »unbeschreiblich« —, und doch bleibt mir keine Wahl: unbeschreiblich dies Glücksgefühl, das mich beherrschte, als ich am nächsten Morgen mein Hotel verließ, um ein wenig durch die Stadt zu spazieren. Das laute Treiben, das Graben und Wenaselsplatj erfüllte, nahm mich auf, verschlang mich. Über dem alten Pulverturm flatterte eine Dezemberwolkenfahne. Die Cafes waren schon am hellen Vormittag künstlich beleuchtet. Aber all das war es nicht, was mich so tief beglückte, daß ich hätte jubeln und singen mögen und den Nächstbesten umarmen vor Seligkeit! Die Quelle meiner Seligkeit war — ein Zeitungsstand gegenüber dem »Blauen Stern«. Was an einem einfachen, wiewohl auswahlreichen Zeitungsstande dermaßen beglückend wirken kann, versteht nur der, welcher, gleich mir, zum ersten Male die Grenzen des Dritten Reiches hinter sich lassend, ein freiheitliches Land betritt, in dem es noch soetwas gibt wie die Freiheit des Geistes, die sieh nirgendwo schöner, schlagender manifestiert als in der Freiheit der Presse. Es versteht sich von selbst, daß ich fast das ganze Geld, das ich bei mir trug, in Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren anlegte und mich dann in ein Cafe zurückzog und fliegenden Pulses las und las — las, bis mich der Kopf schmerzte und mir die Augen brannten, las, was ich wußte und selbst erlebt hatte und dennoch in seiner ganzen Furchtbarkeit kaum zu denken wagte. Was man in meiner deutschen Heimat sich nur zuzuraunen wagte, das war hier in aller Öffentlichkeit zu lesen: unfaßbar, die Erde hatte noch Raum für Länder, in welchen die Wahrheit gestattet war. Oh, großes Glück des Gefangenen, dem sich die Kerkertür auftut! Oh, Petrusgefühl — durch die Mauern des Gefängnisses geführt zu werden an der Hand eines Engels! So furchtbar, niederschmetternd das Gelesene war — Folterberichte aus Konzentrationslagern und S. A.-Kellern, Statistiken politischer Hinrichtungen —, so unendlich beseligend war die Tatsache, daß uns Getretenen doch noch