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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 168

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 168 (sequence 170)
Language
German
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IRI
…/4919024-4920015--0963-4920185
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168 Schrittes über die Karlsbrücke dem Hradschin zu. Untröstlich, wie Drohungen, starrten die Brückenheiligen in den sternlosen Nachthimmel. Schwarz, 'ein irdischer, doppelt trostloser Himmel, lag die Moldau unter den Pfeilern des Gewölbes. Ja, sie lag. Es war keine Bewegung zu sehen in ihrer Schwärze. Glücklicher St. Nepomuk, dachte ich, du starbest in diesem Gewässer; die Märtyrerkrone, wie ein siebenfaches Licht, strahlte sie um dein schmales Haupt! Und ich? Auch ich werde sterben in diesem Fluß — soll ich etwa lieber armselig verhungern in einem Straßenwinkel? Aber kein Licht und keine Krone wird mich umgeben. Ausgespien werde ich verrecken, ohne Glanz, ohne Trost, und kein Auge wird feucht werden, außer dem meinigen, das die Moldau überreich netjen wird. So, in trübsinnige Gedanken versponnen, lehnte ich am Brückenwehr und starrte auf das träge Gewässer unter mir, als mir plötjlich jemand schwer die Hand auf die Schulter legte. Erschrocken wandte ich mich um. Ein breitschultriger, hochgewachsener Kerl stand hinter mir, das Gesicht von einer Schirmmütje fast verdeckt, den riesigen Leib in einen unsreheuren Pelzmantel gehüllt und um den Hals einen Wollshawl geschlungen, der dem Manne ein vermummtes Aussehen verlieh. Der Mann hatte etwas geradezu Entwaffnendes. Die natürliche Beaktion auf solch plumpe Vertraulichkeit wäre doch ein »Herr, was erlauben Sie sich!« gewesen. Aber die ganze Haltung des Biesen war unendlich gutmütig, eine unfaßbare Milde ging von ihm aus, die jede Empörung im Keime ersticken mußte. Auch von Furcht vor dem fremden Manne konnte nicht die Bede sein. Mein erster Eindruck war — Christopherus. Er glich, ich kann nicht genau angeben wieso, diesem gutmütigen heiligen Biesen, der kleine Menschlein dienstfertig durch den reißenden Fluß trägt. Der Gewaltige sah auf mich herab und sagte holprig, die Worte kullerten ihm aus dem Munde: »Kommen Sie, bitte, mit mir; mein Herr erwartet Sie zum Tee ...«

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