Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 168)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4919024-4920015--0961-4920183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
166 Ich schrieb nun einen Brief an sie. Einen Brief? Ach, es wurde fast ein kleines Buch. Ich erzählte, klagte an, berichtete und fluchte. Es war ein unordentliches Beieinander von Tatsachen und Wertungen, es war der Aufschrei eines übervollen Herzens. Freilich, solche Briefe ändern nicht die Läufte der Zeit. Dennoch fühlte ich mich wie befreit von einer langen Schuld, als ich den Brief in den Kasten geworfen hatte. * Am nächsten Morgen beim Frühstück entfaltete ich eine Zeitung und das erste, was mir auffiel, was mit Biesenlettern auf mich zusprang, mir an den Hals ging und mich würgte, war die Notiz: »Tschechoslowakische Postbehörden appellieren an den Haager Schiedsgerichtshof.x Was war vorgefallen?DieSache war die: deutsche Beamte hatten im Auftrage ihrer Begierung Postsäcke erbrochen, die von der Tschechoslowakei nach U. S. A. gingen und Deutschland als Zugangsland zum Meere passierten; Briefe waren gelesen worden, und auf Grund solcher Lektüre hatte man zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Offen gestanden: diese Zeitungsmeldung wirkte auf mich wie ein euphemistisch mitgeteiltes Todesurteil. Es war für mich kaum möglich, in Prag zu bleiben. Ich hatte nichts bei mir als ein kleines Handköfferchen, alles andere war meinem Freunde Medardus zur Obhut anvertraut worden. Mannigfache Bindungen, Bindungen des Hoben Brotes, fesselten mich damals noch an mein Babenvaterland. Ich war ratlos. Sollte ich hier bleiben? Sollte ich es wagen, trot} allem nach Deutschland zurückzufahren? »Eine jede Kugel trifft ja nicht...« Das sträflich optimistische Soldatenliedchen fiel mir ein, aber dann tauchten mir wieder dunkle Bilder auf, Bilder des Jammers und der Schmach — Konzentrationslager, S. A.-Keller — »Schutj«-Haft. Ich leugne nicht: ich fürchtete mich, wie immer sich einer nur fürchten kann, dem keine andere Wahl bleibt, als seinen Henkern in die Arme zu laufen. *